Heimat Revisited III: Nutten und Beton. Eine Karnevaleske

Ein bisschen handelt dieser Beitrag über den film noir, der nie in Karlsruhe gedreht wurde. Und ein bisschen über Stadtidentität. Dieser heute unmögliche Film hätte für das Karlsruhe der Nachkriegszeit sein können, was Brat für das Sankt Petersburg der Neunziger war, oder was die Pusher-Trilogie für Kopenhagen ist. Dieser Film hätte im „Kap“ spielen können, als es noch eine Stripkneipe war, die „Hawaii-Bar“ hieß und von der Karlsruher Rotlichtkönigin Margarethe Reinhardt geführt wurde. Margarethe Reinhardt, die Produzentin von „Sankt Pauli Herbertstraße“, „Trompeten der Liebe“ und „Sünde mit Rabatt“, hätte sicher auch diesen B-Klassiker finanziert.

Margarethe Reinhardt KiK

Karlsruhes „Mean Streets“
Dieser Film könnte auch als Geschichte des einzigen Cadillacs in Karlsruhe erzählt werden. Der Cadillac der Margarethe Reinhardt. Oder so: Walfisch-Freddy, tätig im Import-Export, verliebt sich in Monika, die Ober-Stripperin der Margarethe Reinhardt (oben im Bild). Die Monika brennt aber mit Spelunken-Johnny, ein amerikanischer Soldat (es ist schließlich Besatzungszeit), und der Kohle durch, die Freddy einem Stammkunden der Margarethe Reinhardt, ein hoher Beamter beim Bundesgericht, systematisch abgepresst hat und mit der beide eigentlich alles hinter sich lassen wollten. An irgendeiner Stelle hätte Spelunken-Johnny dann einen Satz wie „This city is a force. And here everybody is weak“, gesagt. Viel interessanter als das Verbrechen und der Sozialkitsch wäre jedoch das Lokalkolorit gewesen. Das Dörfle mit seinem ganzen white trash: Kaschemmen, Herumtreiber, Luden und Trottoirmädchen als Kulisse der badisch-amerikanischen Dialoge. Szenen, die auf vergilbten Fotos heute noch zu erkennen sind, und die dann wie Standfotos dieses imaginären Films wirken. Der böse Zwilling der Residenz, das wie ein Schimmelpilz neben der abgezirkelten Idealstadt gewucherte Klein-Karlsruhe wäre im grau-blau des Schwarzweißfilms in seiner ganzen morbiden Schönheit zu bestaunen gewesen. Der Film könnte heute nicht nur das nostalgische Dokument der Karlsruher Halbwelt sein, die nach dem Stadtumbau in den Siebziger und Achtziger Jahren dem Beton der funktionalen Stadt weichen musste. Er könnte Ausgangspunkt einer unvollendet gebliebenen Untersuchung zur städtischen Rotlichtkultur als Paralipomena einer groß angelegten Studie zur vergleichenden Stadtforschung sein.

Margarethe Reinhardt KiK_2

Das Unsichtbare der Städte – Film noir und Stadtidentität
Der Film noir zeigt die abgründige Nachtseite, die Gegenseite, das Dunkle und damit das Unsichtbare und Unergründliche der Stadt. Film noir ist gleichsam die Chiffre des Urbanen. Einerseits setzt sich die Noir-Stadt aus einzelnen visuellen Chiffren zusammen, Halbwelt, regennasse Straßen bei Nacht, Neonreklamen, schäbige Kaschemmen und Hinterhöfe, die sich letztlich von Stadt zu Stadt kaum unterscheiden. Andererseits erzeugt das Wechselspiel der ständigen symbolischen Überhöhung einer real existierenden Stadtlandschaft einen semi-dokumentarischen Effekt. Im imaginären Beispiel wäre das Dörfle als das „andere“ Karlsruhe immer polar auf das biedere, reale Karlsruhe der Siebziger Jahre bezogen.  In ihrem Band zur „filmischen Topographie des Urbanen“ schreibt Laura Frahm, dass es „genau dieses Wechselspiel zwischen einem inneren filmischen Austauschprozess und einem schrittweisen Fremdwerden gegenüber sich selbst“ sei, durch den der Film noir das Unergründliche, das Ungesagte und das Unsichtbare der Städte, gewissermaßen ihre „dritte Seite“ freilegt.

Der Film hätte auch an einer roten Ampel Ecke Linkenheimer Landstraße (heute Willy-Brandt-Allee) / Moltkestraße beginnen können, während ein Motorrad neben dem schwarzen Mercedes des Generalbundesanwalts auftaucht. Aber dann wäre es eine andere Karlsruher Geschichte gewesen.

Grundlage dieses Beitrages war neben der Dissertation von Laura Frahm, Jenseits des Raums. Zur filmischen Topographie des Urbanen, vor allem die „Margarethe Reinhardt Story“ im KiK-Magazin (Heft 1-3), das von 1980-1986 in Karlsruhe erschien. Die Bilder in diesem Beitrag sind ebenfalls der Zeitschrift entnommen. Auch nach intensiver Recherche konnte ich die Urheber nicht ermitteln. Falls diese meinen Beitrag jemals lesen sollten, bitte ich sie, sich bei mir zu melden.

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Über Christoph Funk

Christoph Funk, geboren in Karl-Marx-Stadt.
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