Heimat Revisited IV: Stadterkundung. Oder: Die Kunst, den Ort zu verfehlen.

Der Tourist befindet sich im Modus der permanenten Faszination. Viele Reisetagebücher geben Zeugnis davon. Dagegen ist die Stadterkundung ein Psychotourismus, eine Art Make-Believe-Spiel, in der man so tut, als sei man verreist. Aber man ist zuhause geblieben und ergibt sich der Psychogeographie der Heimat. Der Beitrag ist ein Mashup aus drei spielerischen Möglichkeiten, sich dem üblichen Blick auf die gewohnte Umgebung zu entziehen.

adliswil-rom3

Bricolage: Piotr Drewnowskis Collagen
Für Piotr Drewnowskis Spiel muss man im Grunde nicht mal das Haus verlassen. Je nach Altersgruppe kann mit Mehlkleister und Bastelschere, oder mit Photoshop gearbeitet werden. Man nehme Bilder seiner Heimatstadt, in der Abbildung Adliswil, und verklebe es mit der gewünschten Stadtansicht, in diesem Fall Rom . Heraus kommt eine imaginäre Stadtvedute. Landmarken, in diesem Fall das Hadrian-Mausoleum, werden aus ihrem ursprünglichen Kontext entfernt und in andere Räume eingesetzt, so dass eine neue Komplexität entsteht und die Heimat in einem anderen, ungewohnten Licht erscheint.

Ursprünglich sind die Collagen eine Verarbeitung von Wahrnehmungen während verschiedener Stadtspaziergänge: Als Beispiel eines stadtbezogenen Tuns gilt der folgende Stadtspaziergang. Später resultiert daraus ein weiteres Tun, nämlich die Stadtcollagen. Dieser Spaziergang ist bewusst ziellos. Die Stadt entscheidet von Kreuzung zu Kreuzung dessen Fortgang. Es entsteht ein Entscheidungsprozess, basierend auf direkten Stadteindrücken. Dieser Vorgang ist in virtueller Form als Internetanwendung einsehbar: der „cityexplorer“ am Beispiel der Altstadt von Solothurn. 

Reise zum Mond: Barbara Holubs Found, Set, Appropriated 
Barabra Holub, tätig unter anderem für urbanmatters in Wien, hat sich mit der Frage der Integration von Kunst in öffentliche Planungsprozesse beschäftigt. In ihrem Projekt Am Stadtrand (2010) hat sie eine Reihe von Stadtspaziergängen in der neuen See-Stadt in Wien-Aspern durchgeführt. Ein Dokument dieser Arbeit ist das Mal-und Audiobuch Found, Set, Appropriated. Dem Malbuch ist der Audiowalk „Die Blue Frog Society spaziert auf dem Mond“ beigefügt.

Ausgangspunkt ist das beliebte Kinderspiel „Reise zum Mond“: Heute befinden wir uns in der Zukunft der Gegenwart. Wir begeben uns auf eine Reise zu dem Mond … Wir entkommen dem Alltag. Wir begeben uns auf die Suche nach neuem Terrain. Wir werden zu Forschern. Zu Entdeckern. Nicht nur neuer Terrains um uns herum, sondern auch in uns selbst. Wir vergessen, dass wir uns in einer Modellsituation befinden. Wir sind das Modell. Und leben es. 

Hier kommt das Malbuch ins Spiel. Dazu Ines Gebetsroither im Vermittlungstext: „Ein Malbuch ist zuallererst einmal eine Aufforderung, Bilder zu ergänzen, zu verändern, lebendig zu machen. Barbara Holubs Malbuch schlägt vor, an der Produktion von Bild- und Vorstellungswelten zu partizipieren, diese im jeweiligen eigenen Kontext neu zu erfinden und weiterzuspinnen. In dem Sinn ist dieses Buch nicht nur als Objekt zu verstehen, das Abbildungen enthält, sondern als ein offen zugänglicher Raum (ähnlich dem Stadtraum), den mitzugestalten ausdrücklich erwünscht ist; ein Raum, der einer vielfachen Nutzung dienen soll.“

Fordern Sie das Umfunktionale – funktionalisieren Sie Ihr Leben um.
Fordern Sie die Notwendigkeit des Umfunktionalisierens. Umfunktionalisieren schafft neue Perspektiven. Manche Übungen (nach Georges Perec) könnten hilfreich sein: ‚Notieren Sie, was immer Sie sehen können. Alles, was sinnvoll erscheint, zu notieren. Wissen Sie, wie man sieht? Was wichtig ist, notiert zu werden? Gibt es etwas, dass Sie überrascht? Nichts überrascht Sie. Sie wissen nicht, wie man sieht. Sie müssen das langsamer angehen, fast naiv. Zwingen Sie sich, das aufzuschreiben, was bedeutungslos ist, was sehr gewöhnlich ist, sehr offensichtlich, sehr farblos.‘ Was bedeutungslos erscheint, wird neue Bedeutung entwickeln – die Qualität des Umfunktionalisierens.

Situationistische Stadterkundung: Laboratoire dérive
Immer wieder vorgenommen, bisher noch nie im Selbstversuch durchgeführt: die situationistische Stadterkundung. Hier entscheidet der Würfel, wo’s langgeht.
Am besten zitiere ich die Spielanleitung direkt von der Seite der Zeitschrift dérive:

Psychogeography is the study of the effects of geographical setting, consciously managed or not, acting directly on the mood and behaviour of the individual. Psychogeography research is carried through non-scientific methods such as the dérive – aimless drifting through the city, trying to record the emotions given by a particular place

Nottingham Psychogeographical Unit. What is Psychogeography?

In den 1990er Jahren von der iwi entertainment group aus der Taufe gehoben, die später maßgeblich für die Gründung von dérive – Zeitschrift für Stadtforschung verantwortlich zeichnete, macht laboratoire dérive die Stadt zum Forschungsobjekt. Inspiriert von der Situationistischen Internationalen und den Theorien Guy Debords aus den 1950er Jahren sowie der Idee der Psychogeographie, bestimmt der Zufall die Richtung des ziellosen Driftens, geleitet von Plätzen, Straßen und Orten selbst. Es gibt nichts und alles zu erforschen, in einem weitgehend planungs- und erwartungslosem Zustand. Dokumentiert wird die urbane Forschungsreise in frei zu wählenden Formaten von Wort, Bild, Ton. Die Ergebnisse sollen nach Möglichkeit anderen laboratoire-dérive-ForscherInnen durch Veröffentlichung auf der dérive-Website zugänglich gemacht werden, um kontinuierlich und weltweit ein multidimensionales Gedächtnis der fluiden Stadt zu formen.



laboratoire dérive – Spielregeln


1. Bildet Forschungsgruppen
Maximal 5-7 Personen schließen sich an einem beliebigen Knotenpunkt des öffentlichen Verkehrs zu einer Forschungsgruppe zusammen. Benötigte Utensilien: Würfel, Tagesfahrschein, Notizblock, variable Dokumentationsmittel (Foto, Film, Audio, Notizbuch, Skizzenblock, Online-Medien, etc.)

2. Dokumentiert mit allen Mitteln
Die Aufgaben der Dokumentation werden unter den TeilnehmerInnen verteilt: Protokoll, Fotografie, Film, Audio, Skizze, Text, etc. Neben der genauen Aufzeichnung von Zeitpunkt, Forschungsgruppe und Strecke besteht freie Wahl, was dokumentiert wird. Bestenfalls wird die Reise von allen TeilnehmerInnen individuell erfasst.

3. Lasst die Würfel entscheiden
Die vorhandenen Verkehrsmittel und -linien am Ausgangsort bekommen einen Würfelwert von 1-6 zugeordnet. Nach Bedarf wird nun z.B. als 1. das Verkehrsmittel (U-Bahn, Straßenbahn, Bus, etc.), 2. die Linie und 3. die Anzahl der zu fahrenden Stationen per Würfel ermittelt. Die Reise beginnt.

4. Ergebt Euch der Psychogeographie
Nach Verlassen des Verkehrsmittels überlässt sich die Forschungsgruppe der psychogeographischen Wirkung der vorgefundenen Umgebung. Der neugierige Blick wird zum Wegweiser der umher schweifenden Erkundung. Die Gruppe entscheidet, wann und wo die Fahrt fortgesetzt wird, idealerweise mit einer neuen Linie oder einem anderen Verkehrsmittel. Stehen mehrere zur Wahl, entscheiden die Würfel, ebenso wie über die Anzahl der Stationen. Dieses Prinzip wird so lange fortgesetzt, bis die Gruppe die Forschungsreise für beendet erklärt.

5. Teilt Eure Forschungsergebnisse
Das entstandene Dokumentationsmaterial wird gesammelt und zusammengestellt, die erforschten Wegstrecken erfasst. Recherchen im Nachhinein sind erwünscht. Die Forschungsreisen werden auf http://www.derive.at veröffentlicht. Die so anwachsenden laboratoire-dérive-Einträge formen ein internationales Netzwerk angewandter Stadtforschung und bilden in Summe ein multidimensionales Gedächtnis der Stadt.

Über Christoph Funk

Christoph Funk, geboren in Karl-Marx-Stadt.
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