Heimat Revisited II: Das Karlsruher Symposium „New Babylon“ sucht nach Wegen aus der „urbanen Krise“

„You can never let a serious crisis go to waste“ – Mitten in der amerikanischen Finanzkrise spielt der damalige Stabschef des Weißen Hauses, Rahm Emanuel, recht provokant auf die Produktivität von Krisensituationen an. Krisen eröffnen neue Handlungsoptionen und sind damit die Wegbereiter für das vorher nicht Denkbare. Die amerikanische Finanzkrise, so die These der Organisatoren des Karlsruher Symposiums „Urbanism After Crisis„, ist inzwischen auch zu einer urbanen Krise geworden. Entstanden ist damit auch eine Laborsituation für die Frage nach neuen Raummodellen und Lebensräumen. Experimentiert wird mit den Mitteln der Partizipation, Kooperation und spielerischer Aneignung durch die Nutzer. Die international besetzte Tagung dokumentiert einen Prozess des Umdenkens, der nun auch die Stadtentwickler erreicht hat.

Licht am Ende des Tunnels - das Symposium New Babylon zeigt Wege nach der Krise

Architects to the rescue!? – Architektur und soziale Verantwortung
Besonders auf einen Nicht-Architekten wie mich wirkte die Tagung wie ein Abgesang auf ein altes, liebgewonnenes Klischee. Vielfach orchestriertes Leitmotiv der Vorträge war die Abkehr vom tradierten Bild des Architekten als visionärer Erbauer monumentaler Objekte, die den Betrachter in ihren Bann schlagen. Überhaupt das Bauen. Nachdem jahrzentelang offensichtlich zu viel und vor allem an Markt und Nutzern vorbei gebaut wurde, scheint es mit dem Bauen heutzutage ziemlich schlecht bestellt zu sein. Andres Lepik formuliert diesbezüglich die Forderung nach einer veränderten gesellschaftlichen Wahrnehmung von Architektur sehr deutlich. Architekten sollten nicht mehr Designer schöner Fassaden und glitzernder Objekte sein, sondern „Designer“ sozialer Prozesse. Wenn die Architektur ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden wolle, müsse der Architekt in Zukunft stärker als „Moderator“ sozialer Entwicklungsprozesse auftreten.

What a disgrace for Reykjavík – A clown as a mayor!
Bezeichnend für diesen Gesinnungswandel innerhalb der Architektur ist es, dass als Eröffnungsredner der Nicht-Architekt und Bürgermeister von Reykjavík, Jón Gnarr, geladen war. Er ist ein Produkt der isländischen Krise, die sich vor allem im Vertrauensverlust gegenüber dem politischen Establishment und der Demokratie insgesamt niederschlägt. Jón Gnarr ist von Beruf her Komiker und daher Meister der ironischen Selbstdarstellung. Er inszeniert sich jedoch nicht als „guter“ politischer Führer (wie Diktator Hugo Chavez), sondern als „Change Manager“ seiner Stadt. Charakteristisch dafür ist der Verzicht auf eine eigene politische Position, eine Ideologie oder ein politisches Programm. Sein Kernanliegen könnte man mit dem Versuch umschreiben, die Kreativität der Bürgerschaft einzubeziehen und den Einzelnen für ein Engagement zu aktivieren. Das „bessere Reykjavík“ wird als kooperatives Projekt aufgefasst. Ein wesentliches Instrument dafür ist die Beteiligungssoftware „Better Reykjavík“, eine Weiterentwicklung von „Shadow City“, die ähnlich wie „liquid democracy“ eine direkte Aufnahme von Bürgerideen in den politischen Diskurs ermöglicht. Sieht man von den bekannten Schwächen des direktdemokratischen Ansatzes ab, so bleibt doch die veränderte Rolle des Politikers als Moderator gemeinsamer Interessen symptomatisch. Jón Gnarr verkörpert damit gleichsam die Leitthemen der Tagung – Partizipation, Kooperation und spielerische Aneignung durch die Nutzer als Perspektive für einen künftigen Urbanismus.

Für eine nutzerorientierte Stadtentwicklung
Bezogen auf urbanistische Fragestellungen lieferte der Designer Dan Hill anregende Impulse für eine nutzerorientierte Stadtentwicklung via Social Media und Crowdfunding. Auch Dan Hill sieht die Ursachen der Krise in einem Versagen der tradierten Institutionen und den in ihnen konservierten Entscheidungsprozessen. Wesentlich sei nicht die Frage, wie ein Gegenstand mit Hilfe von Gestaltern umgesetzt werden könne. Gefragt sei vielmehr eine neue Kultur der öffentlichen Willensbildung selbst. Wie können Interessen lokaler Anspruchsgruppen moderiert werden und zugleich ein nachhaltiger systemischer Wandel erzielt werden?

Ein schlagendes Beispiel für kleine Veränderungen des städtischen Lebensumfeldes durch eine Initiative aus der Bürgerschaft ist der Restaurant Day in Helsinki. Dan Hill zeigt in seiner Publikation dazu, wie durch das öffentliche Kochen eine zuvor unbekannte Diversität innerhalb der Stadt sichtbar wird. Ähnlich wie die Occupy-Bewegung zeigt der Restaurant Day, dass Bürger im Social Web bereits wichtige Werkzeuge haben, um sich in einem gewissen Rahmen selbst zu organisieren und in einem bottom-up-Vorgehen kleine Veränderungen umzusetzen. Das Problem sei jedoch der Mangel an systemischer Veränderung, die mit temporären Aktionen wie dem Restaurant Day tatsächlich erzielt werde. Die Forderung nach aktiver, dialogisch orientierter und selbst organisierter Willensbildung einer Gemeinschaft bedingt auch aktive oder „smarte“ Regierungen. Diese zu umgehen, wie das bei vielen Initiativen der Fall sei, scheint nicht der richtige Weg zu sein.

Dan Hill beim Symposium New Babylon

Eine mögliche Option für nutzerorientierte Stadtentwicklung könnte Crowdfunding sein. Dan Hill ist Mitinitiator der offenen Plattform „Brickstarter“ (benannt nach der Crowdfunding-Plattform „Kickstarter“), die ein Crowdfunding-Modell für nutzerbasierte Planungsprozesse („crowd-funded urbanism“) bereit stellt. Die Plattform ermöglicht eine Diskussion sowohl der Bürgerschaft untereinander als auch zwischen Bürgern und Stadtverwaltung. Schließlich können einzelne Projektideen soweit vorfinanziert werden, dass sie durch Fachleute weiter ausgearbeitet und als realistischer Vorschlag in die entsprechenden Planungsgremien eingebracht werden können. Auf diese Weise wurde beispielsweise die Fußgängerbrücke Luchtsingel im Rahmen der Initiative „I make Rotterdam“ realisiert. Natürlich bleiben unter anderem die Fragen nach der Transparenz des Votings, die Berücksichtigung von lokalen Aspekten auf einer globalen Plattform, sowie die Frage nach der Stimme städtischer Institutionen.

Klaus Overmeyer, Landschaftsarchitekt und Mitgründer von Urban Catalyst, lieferte ein weiteres Plaidoyer für „Do It Yourself“-Urbanismus. Ausgangspunkt ist hier nicht mehr wie im „top-down“ Ansatz das fertige Gebäude, sondern die Relation von Nutzer, Idee und Standort. Im Zentrum einer künftigen Stadtkultur soll der Nutzer mit seinen eigenen Bedürfnissen stehen. Deutlich wird dieser Ansatz in Overmeyers hausgemachten Best Practices. So bauten beispielsweise letztes Jahr im Rahmen des BMVBS-Projekt „Pontonia“ Jugendliche aus verschiedenen Ländern ihre Stadt der Zukunft auf einem schwimmenden Ponton. Das Berliner Projekt Mellowpark und der Moritzplatz sind zwei Beispiele dafür, wie akteursgesteuerte und nutzergetragene Entwicklung mit Nutzungsmischungen im öffentlichen Raum zur treibenden Kraft der Quartiersentwicklung werden kann.

Heimat selbst gestalten
Vor dem Hintergrund des zuletzt von mir aufgemachten Heimatbegriffs lautet das Fazit der Tagung ganz klar: Heimat kann selbst gestaltet werden, egal ob unter den Bedingungen einer Favela in Caracas oder in einer überregulierten europäischen Stadt! Vielleicht mag das Symposium seinem hohen Anspruch, eine Art Krisensitzung und Neubestimmung der gesellschaftlichem Rolle von Architektur zu sein, nicht immer gerecht geworden sein. Die Bandbreite der aufgeworfenen Perspektiven war jedoch beeindruckend.

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Über Christoph Funk

Christoph Funk, geboren in Karl-Marx-Stadt.
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