Representing Heimat. Eine Typologie

Der Heimatbegriff ist zunehmend austauschbar und beliebig. Die Frage ist ja nicht mehr was Heimat alles sein kann. Vielleicht sollten wir uns stärker auf die Frage konzentrieren, wie die nicht abschließend bestimmbare Größe „Heimat“ überhaupt vermittelbar ist. Eine unvollständige Typologie möglicher publizistischer Genres und Printmedien, mit denen Heimat repräsentiert wird.

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Die Perspektive: Psycho-Geographie von Orten und Räumen
Letztlich bleibt Heimat ja immer eine räumliche Kategorie. Wesentlich sind die vielfältigen räumlichen Bezüge, die so etwas wie „Heimat“ entstehen lassen. Die konkrete Verortung schwingt hier immer mit. Nachzudenken, wie Heimat sich vermitteln lässt ist deshalb auch ein Trigger für das Nachdenken über Stadtidentitäten oder Stadtteilidentitäten. Hierzu öffnen wir den Heimatbegriff mit einem Kniff. Wir verschieben ihn einfach in Richtung der psycho-sozialen Kategorien „Identität“, „Zugehörigkeit“ oder  „Mitgliedschaft“. Die soziologische Kategorie der „Eigenlogik“ von Straßen, Quartieren oder ganzen Städten spielt hier natürlich auch mit rein. Martina Löw stellt sich ja letztlich immer wieder ähnliche Fragen: Wie vermittelt sich so eine Haltung, diese eigenartige Stimmung? Wie wird sie glaubwürdig und emotional vermittelbar, wie drückt sie sich aus? Worauf zielt dieses demonstrative Herzeigen von Identitäten? Der Selbstbestätigung oder der Beeinflussung ? Mit Heimat ist dabei immer etwas sehr Gegenwärtiges gemeint.

Das Portrait – die Menschen und ihre Geschichten

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Die Emblematik der Stadt: „Humans of New York. Blog des New Yorker Fotografen Brandon Stanton. Ausgewählte Beiträge liegen inzwischen auch als Publikation vor.

Die besondere Verbindung von Portrait und Zitat erzeugt Sinnbilder allgemeiner menschlicher Situationen in New York. Die Kombination aus fotografiertem Moment und dem Anekdotischen der zitierten Geschichten transportiert etwas Drittes: eine verallgemeinerbare Stimmung, eine Haltung. Jedes Portraits fügt dem Gesamtbild einen Mosaikstein hinzu. Stanton selbst spricht von einem „photographic census of New York City“. Zusammen vermitteln die Portraits eine gemeinsame Haltung, ein individuell vermitteltes Stadtgefühl. Beim Betrachter erzeugen die Bilder und ihre Geschichten eine große Intimität mit der jeweiligen Person, die vollkommen fremde Person und ihre Geschichte gehen einen unmittelbar an. Die einzelnen Portraits initiieren zudem ein Stadtgespräch, das vermittelt über den Blog geführt wird.

„Who can interpret a city already, this monster…“ – Die Psychogeografie der Straße

Die Straße als Narrativ und Imaginationsraum:  Flaneur Magazine. Fragments of a street“ 

Die Magazine nehmen die moderne Figur des Flaneurs (Baudelaire etc.) auf und entwickeln Stadtidentität aus einem Grundelement des Städtischen: der Straße als Grenze zwischen privatem und öffentlichen Raum. Sie folgen dabei einer erratischen Poetologie der Straße:

streets are merely straight labyrinths that bring people form point A to point B. As you walk down a street you can see the comforting horizon, a familiar view that grants you a faux feeling of endless possibilities … But if you were to view a street differently – that is to say, not as a straight path but as an interlaced jumble of cavitites that expand, stretch, branch off and mutate – then the horror of unfiltered fantasy begins to take place and you realize: streets are always larger from the inside than from the outside. Doorways lead to entrance halls that lead to more doorways only reachable via hurdles in the forms of staircases. Stretches of them … Commbined, these make up stories that harbor stories. (Grashina Gabemann, Issue 2, Georg-Schwarz-Straße, Leipzig, p. 71)

Hybride Identitäten – Synästhesie als Prinzip: Die Flaneur-Magazine thematisieren die Bündelung, Kreuzung und Vermischung städtischer Identitäten. Die Straße wird hier zum Rahmen für eine zerstreute Kombination von verschiedensten Gattungen, ein Mesh-up verschiedenster Bildsprachen, Textgenres und künstlerischer Ausdrucksformen: „Walking Interventions“, Performances, Fotostrecken, (typo)graphische Experimente, Lyrik, Text-Miniaturen, „Pop Conversations“, Kohle-Zeichnungen, Portraits von Ladenbesitzern, Reportagen, Opern-Kompositionen, Songtexte, über die Straße miteinander verknüpfte Biografien usf.

Straßenreportagen – „Die Müllerstraße

Die Müllerstraße

In der Müllerstraße in Berlin-Wedding treffen täglich viele Menschen unterschiedlichster Herkunft und Milieus aufeinander. So ist die 3,5 Kilometer lange Hauptverkehrsstraße zugleich Heimat, Kiez, Arbeitsplatz und Shoppingmeile. Das Magazin begleitet die Bewohner auf der Straße, in Geschäften, im Café und im Wohnzimmer und erzählt von ihren alltäglichen Erfahrungen, Problemen, Erwartungen und Ideen.

Der Kiez als Assoziationsraum – das Stadtteilheft

Das Große im Kleinen – „Der Wedding: Magazin für Alltagskultur“

Aus dem Editorial:

Orte wie Berlin-Wedding gibt es vermutlich in fast jeder deutschen Großstadt. Es sind Gegenden, die in kaum einem Reiseführer stehen, die unaufgeregt, selbstverständlich und dabei herzlich und echt sind… Von diesen Orten und ihren Menschen erzählt “Der Wedding”. So setzt das Magazin auf Themen, die in keiner Hochglanzzeitschrift dafür aber in der unmittelbaren Nachbarschaft zu finden sind… Jede Ausgabe widmet sich monothematisch einem Phänomen des alltäglichen Lebens an der Schnittstelle von Urbanität, Gesellschaft und Kultur… “Der Wedding” mit den kleinen Geschichten des Großstadtalltags, begleitet Menschen und berichtet – unmittelbar und in voller Länge – von ihren Erfahrungen, Problemen, Erwartungen und Ideen.

Reportagen, Porträts und Interviews, großzügige Fotostrecken und aufwendig produzierte Illustrationen. Genres wie Stadtarchäologie, die Portraitserie „Zuhause im Wedding“ zeigen wie Menschen hier wohnen, „Straßenumfragen“ nehmen Stimmen von der Straße zu verschiedenen Themen auf.

Feldforschung der Raumstrategen – „MOnHABITe. Eine Expedition“

Parallel zum Umbau des ehemaligen Güterbahnhofs Moabit an der Siemensstraße zum Zentrum für Kunst und Urbanistik (ZKU) durch den Verein KUNSTrePUBLIK e.V. sollten sich ab April 2012 über 2 Semester Studenten der Kunsthochschule Berlin-Weissensee imStudiengang Raumstrategien mit dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs, dem Stadtteil Moabit und dem Westhafen auseinandersetzen, indem diese Ortserkundungen, Exkursionen, Feldforschungen, performative Interventionen und anderen Raumstrategien vor Ort unternehmen. Neben der Thematisierung des materiellen Raums geht es bei dieser ortspezifischen Projektarbeit auch um die Erschließung und Auslotung der sozialen und diskursiven Situationen, die mit den städtischen Transformationsprozessen rund um das ZK/U einhergehen.

"Name" - Für seine Arbeit "Name" befragte der Estländer Ivar Veermäe verschiedene Geschäftsinhaber in Moabit zu den Namen ihrer Läden

„Name“ – Verschiedene Geschäftsinhaber in Moabit über die Namen ihrer Läden (Ivar Veermäe)

Kuchen gegen Geschichte. Wie ein frisch gebackener Mamorkuchen Kiezgeschichten ans Licht bringt

Kuchen gegen Geschichte. Wie ein frisch gebackener Mamorkuchen Kiezgeschichten ans Licht bringt (Adi Liraz, Laura Vogel)

Die Spurensuche – Munitionsfabrik #22 „KARLSRUHE“

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Die 22. Ausgabe der Munitionsfabrik ist das Ergebnis einer Spurensuche in unterschiedlichste Richtungen. Anhaltspunkt der Suche war Karlsruhe – was zeichnet diese Stadt aus, was gilt es zu entdecken, was macht sie zu einer „Stadt der Langeweile“, zu einem Transit-Ort oder zu einer „zweiten Heimat“?

Die theoretischen, künstlerischen und essayistischen Beiträge aus unterschiedlichen Fachbereichen der HfG sowie aus dem Umfeld der Hochschule, wie dem Badischen Staatstheater und der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, ergeben ein heterogenes Bild der Stadt. Sie führen den Interessierten an Orte, die ihre Besonderheit erst auf den zweiten Blick offenbaren, sie sind Dokumente von in der Stadt Erlebtem und Ausdruck von an der Stadt Vermisstem. (Aus: Editorial)

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Alina Schmuch: „Atmosphärische Architekturen“

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Das Zitat – subjektive Perspektiven auf die „Heimat“ Karlsruhe

Die kommunale Imagebroschüre – Das Stadtmagazin

Der Klassiker: Das Hamburg-Magazin  – „Magazin der Metropole

Welcher SZ-Leser kennt es nicht? Der Kompromiss zwischen hoheitlich verordneter, „strategischer“ Kommunikation und journalistischen, feuilletonistischen Inhalten in der Anmutung eines SZ-Magazins. Marketingaussagen in lässiger Gestalt. Stadtkommunikation als publizistisches Statement. Glaubwürdigkeit als Problem. Geschichten, die ein Stadtgefühl transportieren sollen.

Parodie des Hamburg-Magazins auf rebelart.net

Das Stadtgespräch

Ein Reihe des SZ-Magazins – Der Titel ist Programm:

„Wir haben elf Persönlichkeiten versammelt, um mit ihnen über die Zukunft ihrer Heimat zu reden. Rio – ein Stadtgespräch.“

Situationismus / Street Art

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DIY-Revolution statt Repräsentation: Micro Activism / Partizaning.

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Das literarische Tagebuch

Brinkmann selbst sah ein, dass die Blätter sich nicht wie erhofft zum Roman fügten, und brach deshalb ab, obwohl sie Blitze enthalten, so unerwartet, Donner und Blitze, die Beobachtung auf dem Strassenstrich vor allem oder Silvester in Olevano. Dazwischen, manchmal über Dutzende von Seiten, Gartengeflüster und Romräsonieren, zäher als unsere Freitagsrunden, Alltagsbeobachtungen, bei denen weder der Alltag noch die Beobachtung bemerkenswert sind, Gemeinheiten, mitunter wirklich reaktionäre Behauptungen, früher in Deutschland und die deutschen Wälder, Hitler war schliesslich ein Österreicher, Amerika verdirbt die Welt; von Informationswert nur für nachfolgende Stipendiaten die Schilderung der Ateliers, des Parks, der Umgebung und des Lebens mit den anderen Künstlern, einen Hausdiener hatte die Villa, dafür fleckige Wände, Namensschmierereien, das Atelier «gross und leer, nichts für mich zum Arbeiten», eine Unmenge Ignoranz, die als Dekonstruktion des deutschen Italienbildes anfangs sympathisch und auf Dauer nicht lesenswerter ist als die Delirien der Altvorderen; was er Goethe vorwirft, «jeden kleinen Katzschiss bewundert der und bringt sich damit ins Gerede», ahmt er negativ nach, «so viel überflüssige Gedanken und Auseinandersetzungen mit diesem Land», die Sprache oft hölzern (bei Goethe ja ebenfalls ungewohnte Unbeholfenheiten), die Fotos austauschbar. (Aus: Navid Kermani, „‚Rom, Blicke‘ zu Ende gelesen“, NZZ, 12.02.2011)

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Will man von einer Stadt sprechen, so kann man ihr
Sätze anprobieren. Es gibt zappelige Städte, die immer
schon woanders zu sein scheinen, während man doch
den Satz noch gar nicht beendet hat. Vielleicht auch
Städte, die immer größer werden, während man spricht,
ausufern und mit einem Sprung vom Satz noch nie gehört
haben.
Ebenso indignierte Städte, denen man es nicht recht
machen kann.
Und wenn es all diese nicht gibt, so muss man doch ausprobieren,
wie es wäre, wenn es sie gäbe, um vielleicht
einen richtigen Satz zu finden. (Aus: Katharina Hacker: Tel Aviv)

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Über Christoph Funk

Christoph Funk, geboren in Karl-Marx-Stadt.
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