Die Shopping Center und das Straßenleben

Hannelore Schlaffers Essay Die City sucht nach der „geheimen Steuerung von alltäglichen Verhaltensweisen“ in der geplanten Stadt.

Fußgängerzone Hohe Straße Köln. © Raimond Spekking / CC-BY-SA-3.0

Hannelore Schlaffers pessimistischer Essay besticht mit der Fragestellung nach spezifisch städtischen Verhaltensweisen unter den Bedingungen der ökonomisch geprägten Stadtplanung. Ausgehend von zahlreichen Detailbeobachtungen legt sie städtische Praktiken einer vom Geld getriebenen Gesellschaft frei und hebt diese gegen das Bild einer historischen urbanitas ab. 

In der stadtsoziologischen Tradition von Georg Simmels Die Städte und das Geistesleben betrachtet Hannelore Schlaffer das Phänomen Stadt ausgehend von spezifischen Verhaltensweisen, die Städter miteinander und voreinander zur Aufführung bringen, und damit die Stadt erst zur Stadt machen. Für Schlaffer erzeugen die „fabrizierten Räume“ der unternehmerischen Stadtplanung neue spezifische Verhaltensweisen:

„Unter der architektonischen Planung einer Stadt läuft eine zweite Stadtplanung einher … Durch sie werden Verhaltensweisen, Gefühle, Sinnesreize derer, die sich in der Stadt aufhalten, mehr gelenkt als durch jede architektonische Planung… So kann die Art, wie Menschen mit Waren umgehen, wie sie auf den Straßen sitzen, mehr über ihr Verhältnis zu Stadt und Gesellschaft aussagen als alle gutwilligen Versprechungen von Architekten und Investoren.“ (Hannelore Schlaffer, Die City, 24)

Der Essay liefert eine Symptomatik des „Ineinanders von Stadtleben und Wirtschaft“ in der „City“. Damit sind die durch ökonomisch orientierte Planung und neue Arten der Nutzung von Straßen und Plätzen überformten Innenstädte gemeint. Vor allem deutsche Geschäftszentren verkommen laut Schlaffer zu Ensembles von Architektur, Verkehr und Menschenansammlung. Aufgrund der großen Kriegszerstörung und dem damit einhergehenden Gesichtsverlust der Innenstädte war und ist die Umstrukturierung nach ökonomischen Gesichtspunkten hier besonders mannigfaltig  ausgeprägt.

Das Einkaufszentrum als Herz der „gesitteten Stadt“ ist ein beliebtes Beispiel dafür, wie die fabrizierten Räume der Innenstädte neue urbane Performanzen hervorbringen. Philipp Schönthaler hat das „mall walking“ als spezifische Performanz der „Shopping Mall“ in seiner gleichnamigen Erzählung im Band Nach oben ist das Leben offen bisher am eindrücklichsten beschrieben. Schlaffers Essay ist reich an weiteren Beobachtungen städtischer Performanzen, etwa dem „Trupp“ als Demonstration der demokratischen Struktur der City, der Gleichberechtigung der Sinne im „Gesamtkunstwerk Stadt“, oder dem Manager-Schauspieler, als universell appliziertes Rollenbild des von Zeitknappheit getriebenen, geschäftstüchtigen Managers.

Der Manger gilt Schlaffer zugleich als Leitbild der geschichtslosen Stadt. Wie ein Großteil der Literatur zur kritischen Stadtforschung ist Schlaffers Essay vom Wehmut des Verlusts der bürgerlichen Stadt des 19. Jahrhunderts getrieben. Die Literaturwissenschaftlerin lässt diese aus einem reichen Schatz von historischen Referenzen wieder auferstehen. Die historische Fiktion der bürgerlichen Stadt, das ist für Schlaffer die bedürfnisgerechte, gewachsene Gemeinschaft, die von starken Individuen geprägt war und deren Besuch noch bildete. Aus Schlaffers Rundumschlag gegen die „demokratische“ Stadt der Gegenwart spricht die tiefe Sorge um die Zukunft der europäischen Innenstädte. Vor allem die detailreichen Beobachtungen machen den zeitdiagnostischen Essay trotz des offen zur Schau getragenen Kulturpessimismus der Autorin sehr lesenswert.

Hannelore Schlaffer, Die City. Stadtleben in der geplanten Stadt, zu Klampen Essay, 2013, 18 Euro.

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Über Christoph Funk

Christoph Funk, geboren in Karl-Marx-Stadt.
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