Die Ästhetik des Widerstands. Über die Globale 2015

Mit der Globale 2015 plant das Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe (ZKM) ein multipolares Ausstellungsformat für die Dauer von 300 Tagen. Ein Symposium mit internationalen Biennalen-Kuratoren und die Ausstellung global aCtIVISm stecken dafür nun den konzeptuellen Rahmen ab.

„The Vote“ by Rem Koolhaas & Ingo Niermann. 2013 Gwangju Design Biennale Folly Project. Gwangju, South Korea. Image: OBBA / Kyungsub Shin

Als typisches Phänomen der Globalisierung sind Biennalen Plattform für künstlerische und kuratorische Experimente, Ort für soziale Utopie, aber auch Imagetreiber für die Ausrichterstädte. Die Karlsruher „Globale“ stellt sich in diese Tradition und will sie gleichzeitig weiterentwickeln. Einen ersten Ausblick auf das Konzept der Globale 2015 liefert aktuell die Ausstellung „global aCtIVISm“.

Biennalen und Globalisierung

„The utopian promise of the biennial was that while the museum was the place for authoritative pronouncement, classification, canonization, and preservation, the biennial’s raison d’être was to provide a site for experimentation, contigency, testing, ambiguity, and inquiry … The promulgation of counter-narratives and experimentation with counter-models for exhibition making remains the utopian promise of the biennial in the age of globalization.“ (Elena Filipovic et al, The Biennial Reader, 20-23)

Biennalen, also alle zwei Jahre stattfindende Ausstellungen oder Festivals, sind heute der wichtigste Motor künstlerischer Produktion und kuratorischen Experimentierens. Biennalen öffnen alternative Räume für zeitgenössische Kunst jenseits des etablierten institutionellen Systems von aktuell rund 300 „Art Fairs“ und jenseits der großen Kunstmuseen, in denen heute relativ wenig zeitgenössische Kunst zu sehen ist. Viele Biennalen verstehen sich zudem programmatisch als multikulturelle und anti-hegemoniale Orte der sozialen Utopie.

Biennalen und Stadtenwicklung
Ähnlich wie Olympia oder Art Fairs sind Biennalen ein wichtiger Imagetreiber für Städte und Regionen im globalen Wettbewerb. Der große Erfolg des Modells „Biennale“ mit aktuell etwa 200 Biennalen weltweit zeugt auch von einer zunehmenden Festivalisierung des globalisierten Kunstbetriebes. Die Marke „Biennale“ steht für Offenheit, Weltläufigkeit, neue Perspektiven, verkörpert Redefreiheit und verspricht bisweilen sogar ein besseres Leben. Daher sind Biennalen vielerorts Teil des Lifestyle Portfolios von Städten und unterstützen die strategische Positionierung auf der Landkarte der Global Player, bis hin zum politischem „white washing“. Ein frühes Beispiel für die Instrumentalisierung von Biennalen als „soft diplomacy“, also als Impuls für politische Transformation durch Kultur, ist die erstmals 1955 veranstaltete documenta in Kassel. Bewusst platziert an der Grenze zur damaligen DDR sollte sie ein anderes, offenes Nachkriegsdeutschland zeigen und verschaffte der Ausrichterstadt ganz nebenbei einen internationalen Klang. Der Rekord von 1.600.000 Besuchern der ersten Gwangju Biennale in Südkorea 1995 zeigt die Bedeutung des Modells für die touristische Vermarktung von Städten. Biennalen sind ideal für Städtetourismus, da sie durch ihr vielfältiges Rahmenprogramm oftmals eine ganzheitliche Erfahrung für internationale Besucher liefern.

Biennalen und demokratische Öffentlichkeiten
Bei Biennalen trifft der globalisierte Kunstzirkus auf lokale Kontexte, „global contemporary“ trifft auf regionale Traditionen. Vor allem in nicht westlichen Kontexten schaffen Biennalen oftmals einen breiteren Zugang zur globalen zeitgenössischen Kunstproduktion. Sie erzeugen damit oftmals Irritationen in den lokalen Kunstdiskursen und schaffen bisweilen neue Formen einer kritischen demokratischen Öffentlichkeit.

Hito Steyerl, Is a museum a battlefield?, Istanbul Biennale 2013. Image: Stedelijk Museum Amsterdam / Servet Dilber.

Besonders wichtig ist dieses Konzept in Kontexten der politischen „Agoraphobia“, der Angst der Autoritäten vor der Versammlung des Souveräns auf öffentlichen Plätzen, etwa in Istanbul im vergangenenn Jahr. Die von Fulya Erdemci kuratierte Istanbul Biennale 2013 ist vermutlich das beste Beispiel dafür, wie Biennalen nicht nur den öffentlichen Raum bespielen können, sondern eine Gegenöffentlichkeit schaffen können, mit der die Stadtgesellschaft als solche adressiert wird. Mit der Biennale wurde in Istanbul ein diskursiver Raum eröffnet, in dem der im Gezi-Park gewaltsam geführte Konflikt unter dem kurzfristig umformulierten kuratorischen Konzept „Mom, am I a barbarian?“ diskursiv ausgetragen wurde. Themen wie politisches Engagement, neue demokratische Öffentlichkeiten, gewaltsame Transformation öffentlicher Räume in Städten wurden so über das Medium der Kunst verhandelbar. 

Die Istanbul Biennale zeigte Kunst als öffentliches, diskursives Phänomen innerhalb einer demokratischen Gesellschaft, durch die zeitgenössische Probleme mit zeitgenössischen Mitteln verhandelbar werden. Indem sie über die ausgestellten Arbeiten performative, immaterielle und ephemere Aspekte der alltäglichen Erfahrung ihres Publikums thematisierte, wurde diese Biennale zum Ort des Engagements innerhalb des lokalen Kontexts und interagierte mit der Gesellschaft vor Ort. Sie stellte die programmatische Frage, wie Menschen sich unter der Bedingung von multiplen Öffentlichkeiten, also in Ermangelung einer generalisierbaren Perspektive versammeln können. So verstanden kann eine Biennale zum Ort werden, an dem die Frage verhandelt wird, wie verschiedene Wertesysteme zusammen kommen, leben und handeln können. Mit ihrem transnationalen und multipolaren Ansatz wird die Biennale hier als ein moderner „civic space“ gedacht, als eine Sphäre der bürgerlichen Öffentlichkeit par excellence. Öffentlichkeit nicht im Sinne eines Orts des offenen Austauschs von rationalen Argumenten unter Gleichgestellten, sondern als temporäre Konstruktion eines ephemeren Raumes, in dem das konfliktreiche Wesen der pluralen Gesellschaft ausagiert werden kann. 

Mark Wallinger, State Britain, 2007. Reconstruction of a protest installation as used by the peace activist Brian Haw. Foto: Christoph Funk

„Agonaler Pluralismus“ als ästhetischer Leitdiskurs
Wichtigster Bezugspunkt für dieses Konzept war auf dem Karlsruher Symposium Chantal Mouffes Konzept eines „agonistischen Pluralismus“. Chantal Mouffe geht davon aus, dass die Realität pluraler Lebensformen der Idee eines rationalen Konsens grundsätzlich widerspricht. Als Effekt der multipolaren Welt der Globalisierung entsteht laut Chantal Mouffe eine Unüberwindbarkeit von gewissen Antagonismen zwischen den multiplen demokratischen Öffentlichkeiten. Ausgehend von einer kritischen Reflexion des auf Konsensfindung basierenden „deliberativen“ Modells der Demokratie fragt Chantal Mouffe nach demokratischen Formen der Identifikation, die dazu führen können, Kräfte und „Passionen“ für demokratische Modelle zu mobilisieren. Vor dem Hintergrund eines per se unüberwindbaren Wertepluralismus moderner Gesellschaften wird zeitgenössische Kunst als elementare demokratische Praxis verstanden, welche die Konstitution von demokratiefähigen Bürgern ermöglicht:

„The consultation of democratic individuals can only be made possible by multiplying the institutions, the discourses, the forms of life that foster identification with democratic values … To make room for dissent and to foster the institutions in which it can be manifested is vital for a pluralist democracy and one should abandon the very idea that there could ever be a time in which it would cease to be necessary because the society is now „well ordered“. (Chantal Mouffe, Deliberative Democracy or Agonistic Pluralism)

Diesem Anspruch gemäß sind Biennalen Plattformen für Kunst als soziopolitische Praxis eines „agonalen Pluralismus“ und werden damit zumindest theoretisch zu demokratischen Institutionen erhoben.

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global aCtIVISm, Ausstellungsansicht, ZKM 2014. Foto: Christoph Funk

Global aCtIVISm: Das Museum als demokratische „Agora“
Vor diesem konzeptuellen Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass Mark Wallinger mit  „State Britain“, einer Rekonstruktion der Protestinstallation des Friedensaktivisten Brian Haw für die Tate Modern in 2007 den Turner Prize erhielt. Die Ausstellung global aCtIVISm im ZKM, die den CIVIS, also den demokratischen Bürger bereits im Titel trägt, ist um diese Arbeit als wichtigste Referenz gruppiert. Die Ausstellung ist als ein erster Versuch lesbar, das Museum zur Plattform im aktuellen globalen Demokratiediskurs zu machen, indem es verschiedene Protestbewegungen weltweit von außen betrachtet. Ergänzt wird die Ausstellung durch eine online verfügbare Datenbank zu globalen Protestbewegungen, die diesen Aspekt unterstreicht. Die Ausstellung selbst besitzt einen für große Institutionen wie das ZKM bisher ungewöhnlich offenen, partizipativen und damit dynamischen Charakter. Im Rahmen der Ausstellung wurde ein Symposium mit internationalen Aktivisten veranstaltet, die aufgefordert wurden, sich buchstäblich in die Ausstellung einzuschreiben, womit das Museum temporär quasi zur „Agora“ erklärt wurde.  

Die Globale soll 2015 dem paradoxen Anspruch gerecht werden, den „global state of affairs in the art world“ von Karlsruhe aus zu thematisieren. Es soll eine „nichthierarschiche, multipolare neue Art der Ausstellung“ entstehen, die nicht nur das ZKM, sondern auch den öffentlichen Raum der Stadt Karlsruhe bespielt. Doch Karlsruhe ist nicht Istanbul oder Sankt Petersburg. Eine Herausforderung wird es daher sein, das Konzept der Großausstellung nicht nur als Kommentar, sondern als diskursive Plattform pluraler demokratischer Öffentlichkeiten glaubwürdig zu besetzen. Das globale Kunstschaffen „erstmals ideologisch unverzerrt“ vorzustellen bedeutet letztlich den Anspruch, mit der Globale der demokratischen Weltgemeinschaft ein diskursives Außen zu schaffen, von dem aus sie sich ihrer selbst vergewissern kann.

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Über Christoph Funk

Christoph Funk, geboren in Karl-Marx-Stadt.
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