„Quartier Zukunft“ – ein Living Lab für sanfte Stadtentwicklung

Die Karlsruher Oststadt soll zum „Living Lab“ für Nachhaltigkeit werden. Über ein Projekt zur wissensbasierten Stadtentwicklung.

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Die Mitmach-Plattform „Quartier Zukunft – Labor Stadt“ will in den nächsten Jahren Wissenschaft und Stadtgesellschaft über das Thema Nachhaltigkeit enger vernetzen. Mit „Quartier Zukunft“ entsteht aktuell in Karlsruhe ein Modellvorhaben, das Politik und Bürgerschaft einlädt, gemeinsam Impulse für nachhaltige Stadtentwicklung zu setzen. Das Projekt könnte ein Beispiel dafür werden, wie sich Wissenschaft und Stadtgesellschaft zukünftig intelligent vernetzen können.

Quartier Zukunft – ein Projekt im Konjunktiv
„Quartier Zukunft“ ist ein relativ schwer greifbares, aber dadurch auch sehr spannendes Vorhaben. Grundlage ist ein seit 2011 laufendes Forschungsprojekt des Instituts für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). Am ITAS wurde bisher offenbar sehr viel über „Nachhaltigkeit“ und stadtökologische Themen nachgedacht. „Quartier Zukunft“ soll nun Praxisbeispiele liefern. Dazu wurde die Karlsruher Oststadt zum „Living Lab“ erklärt, also zu einem Labor, in dem unter Alltagsbedingungen geforscht wird. Es wurde ein ergebnisoffener Prozess angestoßen, bei dem Projekte zur nachhaltigen Stadtentwicklung entstehen sollen, die anschließend wieder Erkenntnisse über Möglichkeiten und Grenzen nachhaltiger Stadtentwicklung liefern sollen. Um Zirkelschlüsse zu vermeiden, öffnet sich das Forschungsvorhaben nun in Richtung Stadtgesellschaft.

Zur Bürgerbeteiligung verdammt?
Es gibt zwei Herausforderungen, die natürlich auch als große Chancen des Projekts anzusehen sind. Erfolgskritisch ist vor allem die Anzahl umgesetzter Projekte, denn aktuell ist das Projekt nur bis 2017 finanziert. Nur konkrete Projekte machen den Erfolg messbar und liefern Argumente für weitergehende Förderung. Ein gewisses Hindernis sind dabei mangelnde Kapazität und Mittel für eigene Projektarbeit. „Quartier Zukunft“ ist daher auch ein Labor für verschiedene Strategien zur Aktivierung der Bürgergesellschaft. Der Vermittlungsaspekt wird daher auch sehr hoch veranschlagt, oder anders gesagt: Ein gesellschaftlicher Bewusstseinswandel zum Thema Nachhaltigkeit ist ein erklärtes Ziel des Projekts. Es wird spannend zu beobachten sein, wie weit die bisher sehr ambitionierte Ideen- und Leitbildentwicklung durch konkrete Projekte belegt werden kann. Ein Ideenpool liegt vor und wird stetig erweitert. Umgesetzt wurde bisher ein Reparaturcafé.

Die Unabhängigkeit der Forschung von der Stadtpolitik ist eine zweite Herausforderung. Freiheit der Forschung ist natürlich eine prima Sache. Andererseits ist „Quartier Zukunft“ als Hochschulprojekt aktuell nicht direkt in politische Prozesse der Stadtentwicklung und Stadtplanung eingebunden, etwa in den Prozess zum Räumlichen Leitbild 2015 oder die Stadtteilentwicklungskonzepte, jedenfalls wurde dies bisher nicht deutlich. Immerhin wird das Projekt im Integrierten Stadtentwicklungskonzept 2020 (ISEK) aufgeführt. Für die politische Beratung zum Thema Nachhaltigkeit gibt es seitens der Stadt bereits die „Karlsruher Energie- und Klimaschutzagentur“ (KEK) und das Umweltamt, dementsprechend zurückhaltend scheint aktuell die Politik zu sein. Die Projektgruppe versteht sich daher auch weniger als Berater von Politik und Verwaltung oder als eigentlicher Akteur in der Stadtentwicklung, sondern als Inkubator für Bürgerprojekte. Bürgerbeteiligung und Bürgerkommunikation sind daher auch hier ein wichtiger Bestandteil der Arbeit.

„Scientific Public Private Partnership“ – ein Modell für die Zukunft?
Vernetzung von Wissenschaft, Politik und Stadtgesellschaft steht im Vordergrund der Projektarbeit von „Quartier Zukunft“. Im Grunde geht es dem Projekt um Nachhaltigkeits-Kommunikation und -Bewertung. Als Rahmenprojekt will „Quartier Zukunft“ die vor Ort bereits vorhandenen Projekte und Initiativen zum Thema „Nachhaltigkeit“ aufgreifen, bündeln und intelligent weiterentwickeln. Die große Bandbreite bereits einbezogener Projekte und Initiativen, etwa die Regionalwährung „Carlo“, verschiedene Urban Gardening Initiativen oder konsumkritische Stadtführungen, machen dies deutlich. Dieser Ansatz hat viel Potential und kann Vorbildcharakter für zukünftige Projekte aus dem Bereich „Smart Cities“ entwickeln, bei denen es immer auch um wissensbasierte Stadtentwicklung geht.

Beim Thema Kommunikation wurden bisher alle Hausaufgaben gemacht. Das Projekt überzeugt mit einer sehr dezenten und ansprechenden Markenbildung. Die Bürgerforen sind sehr gut organisiert, bieten viel Möglichkeit für Austausch und Beteiligung. Ergänzt wird dies durch eine mobile Kommunikation vor Ort, da eine feste räumliche Verortung im Stadtteil aktuell noch aussteht. Zusätzlich gibt es eine sehr gut aufgestellte Online-Kommunikation. Obwohl hier sehr viel richtig gemacht wurde, zeigt die Beteiligung beim Forum vor Ort, wie außerordentlich schwierig auch bei diesem Thema die Aktivierung von jüngeren Gruppen mit frischen Ideen ist. Symptomatisch war auch, dass der sehr gut vernetzte Bürgerverein der Oststadt, einer der wesentlichen Akteure des Stadtteils, beim Bürgerforum am vergangenen Sonntag leider nicht auf dem Podium vertreten war. 

„Quartier Zukunft“ ist ein sehr ambitioniertes Projekt, das aber zur Zeit noch wenig Angriffspunkte durch konkrete Modellprojekte liefert. Als nächster Schritt sollen kleinere temporäre Eingriffe erste Impulse setzen und das Thema in der Stadt sichtbar machen.

Über Christoph Funk

Christoph Funk, geboren in Karl-Marx-Stadt.
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