Revolution in der Parklücke – Hanno Rauterberg: „Wir sind die Stadt!“

Mit „Wir sind die Stadt!“ zeigt Hanno Rauterberg, Redakteur für Architektur und Stadtentwicklung im Feuilleton der ZEIT, Möglichkeiten und Grenzen der Tausch- und Mitmachkultur in der Stadtentwicklung.

Park(ing) Day

Photo by iomarch via Flickr

„Wir sind die Stadt!“ ist ein sehr lesenswertes Brevier zu den verschiedenen Aspekten der Urban Commons Bewegung. Hanno Rauterberg katalogisiert auf sehr eindrückliche Weise die Einflüsse der zunehmenden Digitalisierung aller Lebensbereiche – der von ihm sogenannten Digitalmoderne – auf das urbane Leben. Unterm Strich steht anders als der Titel vermuten lässt ein durchaus kritisches Fazit. Das „Wir“ der Mitmachkultur ist vor allem eines: Exklusiv. Tonangebend ist eine kleine Schicht gebildeter, oft relativ wohlhabender Akademiker, die durch das naturwissenschaftlich-technische Denken der Internetkultur geprägt sind.

Möglichkeiten und Grenzen des „Urbanismus von unten“ werden im Vergleich von Stadtentwicklung und dem Open Source Gedanke der Commons Bewegung deutlich:

Übertragen auf die Stadt bedeutet dies, dass sie immer nur als vorläufige Version begriffen wird, die darauf wartet, von den Stadtprogrammierern, also ihren Bewohnern, umgeformt, anders definiert und mit neuen Raumoptionen ausgestattet zu werden. Eine kontrollierende Zentralinstanz gibt es folglich nicht; die Stadt baut sich wie von selbst … es bleibt doch fraglich, ob sich die Open Source Methode im Alltag tatsächlich bewähren würde, vor allem wenn ganze Stadtviertel geplant werden. Bei einer Stadt handelt es sich stets um eine multiple Persönlichkeit, die unterschiedlichste technische, soziale und politische Interessen in sich vereint … Die Stadt kennt keinen Quellcode, vor allem aber kann nicht jeder den öffentlichen Raum nach seinem Gusto und für seine Bedürfnisse umgestalten … Da die Stadt nicht nur aus öffentlichem Grund besteht, sondern zu wesentlichen Teilen aus privatem Eigentum, bleibt der Handlungsrahmen für individuelle wie kollektive Initiativen doch recht eng gesteckt.  (Rauterberg, Wir sind die Stadt!, S. 113)

Hier und da macht sich Rauterberg die schicke und in der Commons Bewegung weit verbreitete These einer Dekadenz der europäischen Innenstadt zu eigen: „Die Stadt ist tot – es lebe die Stadt“. Gemeint sind damit nicht allein öffentlich zugängliche Räume, sondern die Urbanität insgesamt, die nach Jahrzehnten der fordistischen und neoliberalen Stadtentwicklung akut gefährdet sei und deshalb wieder erobert und resozialisiert werden müsse. Wie viele andere bleibt auch Rauterberg den Beleg schuldig, in welcher Form Stadt jemals ein vollkommen offener Raum war. Städte waren seit jeher von Exklusion geprägt und urbanes Leben schon immer starker Regulierung unterworfen. 

Am Ende steht die Frage, wie sich der Wunsch nach Vergemeinschaftung, die in der urbanen Tausch- und Mitmachkultur zum Ausdruck kommt, politisch artikulieren lässt: Wie kommt die „Macht der Straße“ an die „Macht des Stadtrats“ heran? Aktuell sind die verschiedenen Aktivitäten der Anteilnahme und des Teilens vor allem ein Zeichen für ein wachsendes Interesse an urbaner Geselligkeit, die nicht nur die Stadt, sondern auch das Allgemeinwesen als Ganzes beleben können.

Hanno Rauterberg, „Wir sind die Stadt! Urbanes Leben in der Digitalmoderne“, erschienen 2013 in der edition suhrkamp, 12 €

Über Christoph Funk

Christoph Funk, geboren in Karl-Marx-Stadt.
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