Die Fünf Elemente der gelebten Stadtmitte

Räume, Menschen, Sensationen – Über Rahmenbedingungen für lebendige öffentlich zugängliche Räume in Städten. Ein Bericht von der Herbsttagung der Bundesvereinigung City- und Stadtmareting e.V. in Karlsruhe.

“Kotti”, 2008, by Larissa Fassler (c) Larissa Fasler

(1) Vielfalt
Innenstädte sind Ort von Kultur, Baukultur und Stadtleben. In den Stadtkernen zeigt sich das Profil und die besondere Eigenart einer Stadt. In den Zentren tifft „der Blumenstrauß privater Akteure auf einen Blumenstrauß an kommunalen Akteuren“. Hier treffen öffentlich finanzierte und unterhaltene Kultur- und Freizeitangebote auf kommerzielle Einrichtungen sowie bürgerschaftlich organisierte Angebote aufeinander. Die öffentlich zugänglichen Räume sind damit der privilegierte Handlungsraum eines kooperativ ausgerichteten Stadtmarketings. Gemeinsames Ziel ist die Steigerung der Attraktivität der Innenstädte.

Die „Intendanz des öffentlichen Raums“ ist ein in diesem Zusammenhang geprägter Reizbegriff, der im Weißbuch Innenstadt des Bundesministeriums für Verkehr und Stadtentwicklung beschrieben wird:

Temporäre „Bespielungsstrategien“ des öffentlichen Raums sollten zu Instrumenten der Innenstadtentwicklung und des Innenstadtmanagements werden. Kommunale „Spielpläne“ in Kooperation mit Museen und anderen Kultureinrichtungen können die Nutzung des öffentlichen Raums attraktiver machen und qualifizieren. Sie können aber auch eine Überforderung und Banalisierung öffentlicher Räume durch eine übermäßige Festivalisierung und Kommerzialisierung städtischen Lebens verhindern helfen. Eigentümerinnen und Eigentümer, öffentliche Träger und private Investoren sind in die Verantwortung für einen qualitätsvollen und sicheren öffentlichen Raum einzubeziehen. (Weißbuch Innenstadt)

Die Intendanz des öffentlichen Raums berührt eine Kernaufgabe von Stadtmarketingorganisationen. Diese kann jedoch nicht von einer konkreten Person, im Sinne eines Kurators, ausgefüllt werden. Eine Intendanz des öffentlichen Raums wird dauerhaft zwischen den beteiligten Anspruchsgruppen ausgehandelt. Was in den Innenstädten passiert, sollte abhängig davon sein, was die Menschen wollen. Am Anfang sollte daher Zuhören und Beobachten stehen.

(2) Nutzungsüberlagerungen

„…die Kommune muss wissen was sie will, muss Ziele haben und dann kann man sich darüber unterhalten, mit welchen
Instrumenten man sie umsetzt…“
(STARS-Interview 2009, kommunaler Akteur, aus dem Vortrag von Dr. Juliane Pegels)

Die Vielfalt der Innenstädte sollte sich in den Nutzungsformen der öffentlich zugänglichen Räume widerspiegeln. Unterschiedlichkeit kann dabei etwa bei der Gestaltung von Freiräumen oder der Konversion von Stadträumen im Strukturwandel thematisiert werden. Um der Vielfalt der Ansprüche gerecht zu werden, sollte Stadtpolitik hier Multifunktionalität ermöglichen. Ein gutes Beispiel dafür sind sogenannte Schul-Straßenräume. Platzsituationen können so konzipiert werden, dass Schulhöfe außerhalb des Schulbetriebes Nutzungsmöglichkeiten für außerschulische Aktivitäten liefern.

(3) Diversität
In  bunter, älter und unterschiedlicher werdenden Stadtgesellschaften sollten die Bedürfnisse aller thematisiert werden. Eine Lösung für diese Herausforderung sind beispielsweise privately managed public spaces wie der Federation Square Melbourne. Federation Square wird von einer privaten Gesellschaft verwaltet, welche die Nutzung der Mieter, die Bespielung und das Marketing aller öffentlichen Räume sowie alle Aspekte des Anlagenwirtschaft- und Entwicklung koordiniert.

fed-square-world-record-attempt-melbourne

(c) FedSquare

„government policy has made a contingent on
for example Melbourne festivals: Certain amounts need to be free…We have more than 2300 activities in the public space alone. They range from small to large. The program is 50 to 60 % of straight party hires, to 25 to 30 % collaborative between ourselves and community organisation (particularly on multi-cultural organisations and festivals)…“
(STARS-Interview 2010, Charta for Fed Square Ltd.)

(4) Koproduktion
Lebendige öffentlich zugängliche Räume benötigen eine Stadtpolitik, die Partnerschaften ermöglicht und gestaltet. Gelungen ist dies etwa bei der New York City High Line, The Municipal Art Society (MAS NYC). Neben solchen privately owned public spaces steht in Deutschland auch der Wunsch nach Wiederentdeckung und Rückeroberung des öffentlich zugänglichen Raums als Ort der Kommunikation, Interaktion und Begegnung in der Stadt. Mit diesem Ziel haben die urbanauten München verschiedene „urbane Experimente“ gestartet.

TWT Flash2

Urbaner Schwarm in München (c) urbanauten

Mit sogenannten Schwarm Happenings werden für die Dauer von 3 Minuten mit Flashmobs und sogenannten „urbanen Schwärmen“ öffentliche Zwischenräume zurückerobert. Gesteuert wird der  Schwarm über eine Social Web Kommandozentrale per SMS und Twitter.

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Kostenfreie Twitter-Variante um beim SMSmob-Projekt ‚Moment of Starlings – SMS an 11832‘ der urbanauten im Rahmen des Spielar-Theater-Festivals teilzunehmen (c) urbanauten

Der Fokus bei der Wiederbelebung von Transiträumen liegt nicht auf den A-Lagen und Stadtzentren. Vielmehr wird die Konzentration auf unbequeme öffentliche Räume jenseits der historischen Stadtkerne auch als Korrektiv der Stadtpolitik verstanden. Mit Hilfe von Bündnissen zwischen zivilgesellschaftlichen Akteuren werden neue Impulse für die Innenstädte gesucht, die zur Organisation von Subkulturen oder zur temporären Verzauberung der Transiträume in Freiräume beitragen.

Eine nächste Stufe stellt das Projekt „Isarlust“ dar. Gemeinsam mit dem Münchner Forum arbeiten die urbanauten seit zwei Jahren in öffentlichen Diskussionen und Arbeitskreissitzungen Vergangenheit und Gegenwart des innerstädtischen Isarraums auf. Entwickelt werden dabei Vorschläge für die künftige Stadtgestaltung an der innerstädtischen Isar und konkrete Projektvorschläge, die in die städtische Rahmenplanung vom Planungsreferat eingespeißt werden.

(5) Partizipation

„Stadtentwicklungspolitik sollte damit beginnen,
ein Bewusstsein zu entwickeln für die Erwartungen und
Sehnsüchte vor Ort, für das dortige Wissen über
Bedürfnisse und Möglichkeiten, für die lokale Wirklichkeit
als Grundlage von Entscheidungen sowie das Innovationspotenzial vor Ort“
(UN Habitat, Global Report on Human Settlement 2011)

Stadtpolitik sollte neue Formen der Beteiligung sowie Trends der Share Economy wahrnehmen und nutzen. Gute Beispiele aus dem Commnunity Farming Bereich sind das Gartendeck St. Pauli, oder die SchwarmFarm Karlsruhe. Für Berlin exisitiert inzwischen eine Gartenkarte der Urbanen Gärten. Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) erarbeitet hierzu nun auch einen Handlungsleitfaden für Gemeinschaftsgärten im Quartier, der im April 2014 erscheinen soll.

Darüber hinaus entwickeln sich aktuell zahlreiche Möglichkeiten von öffentlichen Bibliotheken und Bücherkästen, über sogenannte Give Boxes, bis hin zu verschiedenen Formen des Bike- und Carsharings.

Die fünf Elemente der gelebten Stadtmitte gehen zurück auf die Keynote „Handlungsfeld Stadtraum: Aktuelle Themen und konzeptionelle Ansätze zur Planung, Gestaltung und zum Management öffentlich zugänglicher Räume“ von Dr. Juliane Pegels, DFG-Forschungsprojekt STARS, Stadträume in Spannungsfeldern: Plätze, Parks und Promenaden im Schnittbereich öffentlicher und privater Aktivitäten, RWTH Aachen.

Über Christoph Funk

Christoph Funk, geboren in Karl-Marx-Stadt.
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