Spielplatz Stadt – Gamification und Stadtmarketing

Besucher der Stadt Regensburg werden von einer App gebeten, als wissenschaftliche Assistenten merkwürdige Phänomene in der Innenstadt zu untersuchen. Für ihre Feldforschung erhalten die Teilnehmer einen Apparat mit künstlicher Intelligenz, der es erlaubt, mit historischen und sagenhaften Charakteren wie durch ein Walkie Talkie Kontakt aufzunehmen und sogar mit diesen per Gestik zu interagieren. Der Apparat hilft und kommentiert das Abenteuer auf ironische Weise, und es zeigt sich alsbald, dass die Stadt von einer „immerwährenden Magie“ durchwoben ist. Tagessieger wird, wer möglichst viel von dieser Magie aufspürt und die Aufgaben, die die Charaktere stellen, gemeinsam mit anderen „REXplorern“ löst. Spielerische Elemente, überraschend eingesetzt, haben ein großes Potential nicht nur bei der Vermarktung von Städten.

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Was ist Gamification?
Gamification beschreibt diese Anwendung von spieltypischen Elementen, Mechanismen oder Prozessen in spielfremden Kontexten. Zu diesen spieltypischen Elementen gehören unter anderem Herausforderungen, Rückmeldungen, Erfahrungspunkte, Highscores, Fortschrittsbalken, Ranglisten, virtuelle Güter oder Auszeichnungen. Gamification hat seinen Ursprung im Spiel, einer frühen Form der sozialen Interaktion, und hat daher großes Potenzial, auf die Dimension Lebensqualität und Vergnügen einzuzahlen. Das Spiel stellt durch vorab definierte Regeln ein Ordnungsgefüge zur Verfügung, in dem die Spieler gemeinsam aufgehen. Die im Spiel gestiftete Gemeinschaft bleibt im besten Fall über die Dauer des Spiels hinaus bestehen.

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Spiel und Stadtentwicklung
Als strategisches Mittel in der Stadtentwicklung ist das Spiel bisher vor allem in der Planung und Gestaltung von urbanen Freiräumen relevant. Für Kinder sind Städte auch abseits der offiziellen Spielplätze ein großer Abenteuerspielplatz mit Schluchten, Tunneln, verlassenen Hallen, auf dem sie ihre eigene Identität entdecken. Eine sehenswerte Ausstellung im Düsseldorfer Schmela Haus ruft ins Gedächtnis, wie der niederländische Architekt und Planer Aldo van Eyck in der funktional differenzierten Stadt der Nachkriegszeit Spielplätze als Orte des sozialen Miteinanders begriff. „Mit ein bisschen Beton, Holz und ein paar Aluminiumrohren sind Konzentrationspunkte entstanden, wo sich Energie zusammenballt und ausdehnt. Wo Kinder und Erwachsene sich treffen. Anweisungen zu einer größeren Gemeinschaftlichkeit“ (zitiert aus der Ausstellungsbroschüre des Schmela Hauses Düsseldorf).

Doch auch außerhalb von genuin spielerischen Kontexten können spielerische Elemente zur Belebung von öffentlichen Räumen und damit zur Erhöhung der Lebensqualität einer Stadt beitragen. Situationistische Strategien etwa können die gewohnte Wahrnehmung verändern und so neue Perspektiven schaffen. Spielerische Interventionen von Raumlabor, Invisible Playground, oder den 99 Tiny Games in London 2012 leisten ähnliches durch ortsspezifische Eingriffe in den öffentlichen Raum. Urbaner Raum wird hier als Produkt von sozialen Produktionsbeziehungen gedacht, der nicht statisch ist, sondern eine dynamsiche Konstellation von Anspruchsgruppen bildet, die diesen permanent neu verhandeln.

Smarter Cities: Gamification und Mobile Web
Ein vollkommen neues Anwendungsfeld bilden die virtuellen öffentlichen Räume einer Stadt, die mit dem Mobile Web immer weiter an Bedeutung gewinnen werden. Es gibt bereits zahlreiche Apps, die spielerische Elemente auf Themen wie urbane Mobilität oder Stadterkundung anwenden.

Beispiele sind die Regensburger App „REXplorer“, ein orstbasiertes mobiles Computerspiel für Touristen.

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Strava ist eine Fahrradapp, mit der man Touren mit vielerlei Parametern aufzeichnen und mit Freunden vergleichen kann. best-cycling-apps-strava-cycling-screenshots-120720

Komoot ist ein soziales Readnetzwerk mit qualitativem Input der Nutzer für die Routenplanung mit „schönsten Strecken“. komoot2

Mit Chromaroma wird der Weg durch die Londoner Subway zum Spiel, indem Aufgaben erledigt und Strecken erobert werden können. 112392v2

Zombies, Run! ist eine Jogging-App, die eine Verfolgung des Läufers durch Zombies simuliert.
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Gamification Hotspot Karlsruhe

Karlsruhe ist bereits ganz passabel gamifiziert. Deutlich wird das am GEELab im Alten Schlachthof, die erste europäische Niederlassung des Games and Experimental Entertainment Laboratory Europe (GEElab) der RMIT-University Melbourne. Die Kooperation dient nicht nur der Internationalisierung der Karlsruher Unternehmen der Spiele-Industrie, sondern auch als Grundlage für Kooperationen der Karlsruher Hochschulen mit der Elite-Universität Down under.

Dieses Jahr findet am 1./2. Oktober in Karlsruhe zum zweiten Mal die BizPlay statt, eine internationale Gamification-Konferenz, die Vertreter aus der Wirtschaft mit Game Designern zusammen bringt.

Demnächst eröffnet im Medienmuseum des Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) die neu gestaltete Ausstellung „Game Play“ zum Medium des Computerspiels und experimentellen Spielformen, um die Facetten der Spiele aufzufächern und diese in allen ihren Dimensionen auszuloten. Die Ausstellung wurde von Stephan Schwingeler, u.a. Organisator der Next Level Conference, konzipiert.

Schließlich wird am 2010 gegründeten Gamelab der Karlsruher Hochschule für Gestaltung (HfG) an der Erweiterung des Spielbegriffs geforscht.

Über Christoph Funk

Christoph Funk, geboren in Karl-Marx-Stadt.
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