Stadtmarketing der Zukunft – Heimat Revisited

Wie ermöglichen Städte Heimat? Eine enorme räumliche Mobilität gepaart mit projektbezogener Beschäftigung führt dazu, dass kaum noch jemand in einer Stadt lebt, die er sich selbst gewählt hat. Das gilt vor allem für Berufseinsteiger, egal ob für den notorisch hospitierenden Geisteswissenschaftler oder für den weisungsgebundenen Junglehrer im öffentlichen Dienst. Einen Migrationshintergrund hat heute beinah jeder, und sei es nur als „Binnenmigrant“. Entsprechend ist das Vermögen von Städten, Heimat zu geben, heute wichtiger denn je. Hier ein paar erste Thesen für eine kleine Miniserie zum Thema.

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Zur Konjunktur des Heimatbegriffs im Stadtmarketing
Wenn hier von Heimat die Rede ist, meine ich nicht jenen utopischen Ort des Heils im romantischen Sinne. Aus meiner Sicht benennt der Begriff „Heimat“ treffender als „Stadtidentität“ ein persönliches Gefühl des Eigenen oder des Bei-sich seins. Heimat in diesem Verständnis meint ein ortsbezogenes tacit knowledge, d.h. ein unbewusst reproduziertes und körperlich-emotionales Wissen, das in als selbstverständlich erachteten sozialen Praktiken und Routinen deutlich wird. Zusammen bilden sie die Spielregeln dieser bestimmten Stadt und machen gemeinsam mit ortsspezifischen Materialitäten gleichsam ihren Charakter aus. In diesem Sinne kann sich eine Stadt als Heimat in die Körper ihrer Bewohner einschreiben, indem sie ihr Handeln vorstrukturiert. Heimat wird gelebt – in Alltagsroutinen, lokalen Expertenkulturen (wozu ich auch die Subkulturen zählen würde), sowie in Bezug auf die materiellen Ressourcen einer Stadt. Ein weiterer Vorteil: Heimat ist einerseits etwas, zu dem sich jeder in irgend einer Weise in Bezug setzen kann, denn vermutlich jeder hat eine Heimat. Andererseits drückt Heimat etwas Gemeinsames aus, und kann so einen Bezugspunkt für heterogene Gruppen bilden.

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Was Stadtmarketing von der Soziologie der Städte lernen kann
Wenn man Heimat im Rückgriff auf soziologische Kategorien beschreibt, werden die zahlreichen Schnittmengen zu aktuellen stadtsoziologischen Überlegungen schnell deutlich. Mein Heimatbegriff speist sich vor allem aus den Überlegungen der Darmstädter Soziologen Martina Löw und Helmuth Berking. In ihrem Forschungsschwerpunkt „Eigenlogik der Städte“ untersuchen sie jene stillschweigend stattfindenden Prozesse der Sinnbildung von Städten, die das jeweilige Stadtgefühl prägen. Das Eigene der Städte erschließt sich vor allem in einer vergleichenden empirischen Beschreibung drei verschiedener Aspekte: (1) Raumstrukturen und Stadtbild, (2) routinisierte oder institutionalisierte Handlungen wie z.B. der Kölner Karneval, (3) dem festen Bestand an Haltungen und Gedanken, Geschichten, die von einer Stadt erzählt werden, sowie Bilder und ihre symbolische Überschreibung städtischer Materialitäten. Kleine Skizzen solcher Beschreibungen finden sich exemplarisch im Heft 01 des neuen Magazins Stadtaspekte. Für eine kooperative Identitätsentwicklung gemeinsam mit den lokalen Akteuren und vor allem den Bewohnern als Experten und Besitzern ihrer Stadt ist der Rückgriff auf dieses soziologisch geprägte Verständnis von Heimat sicher vielversprechend. Natürlich ist die „Authentizität“, die man damit gewinnt, auch wieder eine strategische Behauptung.

Biedermeier und die Identitätsstifter
Die etwas biedermeierliche Konnotation des Begriffs „Heimat“ bringt in meinen Augen zusätzlich sehr gut die Skepsis gegenüber den großen normativen Gesten der Stadtinszenierung zum Ausdruck. Am besten kann man das gerade in Marseille beobachten, der diesjährigen „Europäischen Kulturhauptstadt“. Die megalomanische Inszenierung mit entsprechenden investiven Großprojekten bleibt kurz hinter dem Hafen stecken. In den ärmeren nördlichen Vierteln wird die Implementierung des Ideals „Kultuhauptstadt“ mit der Begründung abgelehnt, dass Kultur Geldverschwendung sei.  Zuletzt wurde in verschiedenen Publikationen eine gewisse Skepsis an der Wirksamkeit großer Imagekampagnen geäußert. Besonders prominent entwirft Volker Remy Wege aus der „Imagefalle“ (2007). Ebenso grenzen sich Marie Luise Hilber und Götz Datko in „Stadtidentität der Zukunft“ (2012) von den inszenierten und strategisch gestalteten Identitätskonstruktionen ab. Wärme, Emotion und Gemeinschaft als unmittelbare Assoziationen zum Begriff Heimat können ein Konzept von Stadtidentität tragen, dass auf Authentizität, Vielfalt und Geschichte(n) setzt.

Natürlich darf man bei all dem nicht vergessen, dass Stadtmarketing seine Daseinsberechtigung der Funktion als ökonomisch und entwicklungsrelevantes Steuerungselement innerhalb der Kommunalpolitik verdankt. Dennoch, auch hier gibt es verschiedene Wege zum Ziel. Bewährte Marketinginstrumente aus Karlsruhe, die sich mit dem Thema Heimat im weitesten Sinne beschäftigen, sind die sehr erfolgreiche Wohnraumkampagne und die Erstwohnsitzkampagne für Studenten, die mit einer Fahrradverlosung verknüpft ist. Spannend wird sein, wie sich die Wiederentdeckung von Stadtgefühl und Heimat in neuen Stadtmarketing-Projekten zeigen wird.

Eine Miniserie zur Heimatkunde
Wohnungen, die wie kuratierte Ausstellungen aussehen, Handarbeit und Urban Gardening, Heimatabende im Architekturschaufenster Karlsruhe, eine Kölner Ausstellung, die sich gerade mit dem Thema Romantik im zeitgenössischen Design beschäftigt – das Eigene und Authentische, die Heimat, ist als „herumwabernder Begriff“ in aller Munde. In den nächsten Wochen werde ich mich in einer kleinen Miniserie verschiedenen Aspekten dieses schillernden Begriffs nähern und so versuchen, dieses diffuse Konzept Schritt für Schritt zu erschließen. Dabei werden digitale Heimat und „Stadtgeflüster“ im Social Web eine Rolle spielen, aber auch Heimatästhetiken, städtische „Kulturen der Differenz“, sowie die Verknüpfung von Heimat und Erlebnis, also die Frage, wie Inszenierung und geschichtlich gewachsene Identität Hand in Hand gehen können.

Über Christoph Funk

Christoph Funk, geboren in Karl-Marx-Stadt.
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