Weniger ist Zukunft. Eine Winterreise nach Chemnitz, Dessau und Zeitz.

Als ich vor Jahren bei der Vordiploms-Auswahl der Studienstiftung des Deutschen Volkes in Augsburg saß, hätte ich mir eigentlich denken können, dass mich das Impulsreferat zum Thema Stadtumbau in Ostdeutschland diese exklusive Form der Studienförderung kosten würde. Für die anderen süddeutschen Teilnehmer meiner Diskussionsgruppe war Stadtumbau schlichtweg kein Thema. Dabei ließen sich ausgehend von den Ursachen des ostdeutschen Stadtumbaus nach der Wiedervereinigung wesentliche Teile der Gesellschaftsgeschichte des letzten Jahrhunderts entwickeln. Die Gewissheit, in einer postindustriellen Gesellschaft zu leben, ist nirgendwo sonst geradezu physisch ablesbar als in einer ostdeutschen Kleinstadt. 

Zukunft - Soziokulturelles Zentrum und selbstverwaltetes (besetztes) Wohnhaus in Chemnitz

Chemnitz zwischen „Karl-Marx-Stadt“ und „Stadt der Moderne“
Chemnitz war „sächsisches Manchester“ und „Karl-Marx-Stadt“. Seit 2007 ist Chemnitz „Stadt der Moderne„. Sich als „Stadt der Moderne“ zu positionieren, war vermutlich der Versuch, postsozialistisches Schmuddel-Image und postindustriellen Bedeutungsverlust mit dem Verweis auf zukunftsträchtige Tradition zu kompensieren.“Moderne“ bedeutet hier die Rückbesinnung auf architektonische und künstlerische Denkmäler der Vorkriegszeit (vor allem Karl Schmidt-Rottluff und die Sammlung Gunzenhauser). Von den Baudenkmälern der klassischen Moderne sind leider nur wenige Industriedenkmale, dafür jedoch eines der größten zusammenhängenden Gründerzeitviertel Europas (der Kaßberg) übrig geblieben. Vom damaligen Reichtum zeugen das ehemalige Kaufhaus Schocken (Erich Mendelssohn) oder die Villa Esche (Henry van de Velde). Industrialisierung und damit einhergehend industrielles Wohnen waren 100 Jahre lang wesentliche Triebfedern der Chemnitzer Stadtentwicklung.

Ehemaliges Kaufhaus Schocken in Chemnitz, Architekt: Erich Mendelsohn

Wesentliche Rahmenbedingung für die heutige Chemnitzer Stadtentwicklung ist der Strukturwandel nach 1990. Für mich war Chemnitz, seitdem ich selbst die Stadt 2005 verlassen habe, eine schrumpfende Stadt. Sichtbar war das zuerst am „Rückbau“ der Großwohnsiedlungen am Stadtrand, sowie am Abriss zahlreicher Gründerzeithäuser mit Innenstadtlage. Inzwischen wurde die Innenstadt vollkommen neu gestaltet. Heute gibt es immer noch sehr viel Leerstand, die Mieten sind enorm günstig. Eine renovierte Altbauwohnung, 2 Zimmer mit Balkon, kostet warm um die 250 Euro. Die brach liegenden Industrieanlagen waren in den Neunziger Jahren die Kulisse einer extrem lebendigen und kreativen Subkultur, die jedoch mit dem einsetzenden Stadtumbau ab 2000 nach Berlin zog, und von dort heute wieder nach Leipzig und Dresden zurück wandert.

Ehemalige Maschinenfabrik in Chemnitz

Bauhausstadt und Umbaustadt Dessau
In Dessau lässt sich das Spannungsverhältnis zwischen den Ursprüngen der industriellen Moderne und dem postindustriellen Niedergang noch deutlicher studieren. Walter Gropius hatte in Dessau aus finanziellen Gründen 1926 einen Ort für seine neue Hochschule für Gestaltung nach dem romantischen Werkhütten-Ideal, das „Bauhaus„, gefunden. Aus heutiger Sicht hat die Idee eines „industriellen Bauens und Wohnens“ die ostdeutsche Kleinstadt und damit das alltägliche Lebensumfeld der Menschen stärker geprägt, als vielen lieb ist. Gropius selbst hat seine Vorstellung eines industriellen Wohnens vor Ort in der Dessauer Siedlung Törten (1926-1928) zum Befremden der Zeitgenossen umgesetzt. Die pervertierte Form des industriellen Bauens und Wohnens kann man heute bis auf Weiteres in den Großwohnsiedlungen der Honecker-Zeit im Dessauer Süden besichtigen.

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Durch Abwanderung und demographischen Wandel induzierte Schrumpfung ist auch in Dessau seit gut zehn Jahren ein zentrales Thema der Stadtentwicklung. Seit 2004 bis 2010 lief deshalb eine Internationale Bauausstellung (IBA) zum Thema Stadtumbau Ost unter dem Motto „Weniger ist Zukunft“. Die Ergebnisse und weitere Materialien sind sehr übersichtlich und informativ im Netz verfügbar.

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Geisterstädte des Wilden Ostens: Zeitz zum Beispiel
In einer Typologie der ostdeutschen Kleinstadt dürfen die Geisterstädte nicht fehlen. Es geht natürlich nicht darum, ein Bild des Schreckens von der Dekadenzgeschichte des Nahen Ostens der Bundesrepublik zu zeichnen. Aber Städte wie Zeitz sind Realität und nur ein beliebiges Beispiel neben vielen anderen, etwa die mir etwas besser bekannten Städte Limbach-Oberfrohna oder Zwickau. Diese Städte zeichnen sich dadurch aus, dass außerhalb der durchaus ansehnlichen renovierten Stadtkerne meist ein Ring von   Industriebrachen liegt, sofern diese noch nicht verkauft, eingestürzt oder abgerissen sind. Neben den Gespensterstädten fehlen natürlich die positiven Beispiele, meist Oberzentren wie Leipzig, Dresden, Weimar, Jena, Erfurt und so fort, die sich erfolgreich als Kultur- und/oder Wissenschaftsstädte vermarkten.  Aber sogenannte Erfolgsgeschichten gibt es ja bereits genügend.

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Über Christoph Funk

Christoph Funk, geboren in Karl-Marx-Stadt.
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