Karlsruher Heimatabende

„Die Plätze am Ofen, der Küchenheerd, Bodentreppen, Feiertage noch gefeiert, Triften und Wälder in ihrer Stille, vor allem die ungetrübte Phantasie sind die Hecken gewesen, die [Volkslieder und unschuldige Hausmärchen] gesichert und einer Zeit aus der andern überliefert haben.“ Die Grimmsche Sammlung mündlicher Überlieferung war der große romantische Versuch, der nationalen Identität durch die Besinnung auf eine zu Grunde liegende kulturelle Kontinuität den Boden zu bereiten. Geht es um Identität oder Heimat, so wird man diese heute kaum noch in der Konstruktion einer „National“-Literatur oder eines „National“-Theaters suchen. Eine ganze Bandbreite von gestaltenden Berufen, darunter Stadt- und Raumplaner, Gestalter oder Architekten beschäftigen sich mit Identität von Orten. Dabei wird Konstruktion von Heimat ganz wörtlich verstanden. Die Veranstaltungsreihe „Heimatabende“ im Architekturschaufenster nimmt Karlsruher Projekte zur Identitätskonstruktion in den Blick.

„Heimat kommt nicht von alleine“
Im Badischen Landesmuseum durfte zuletzt die lange Geschichte der Region, des Großherzogtums, des Landesteils? Baden bewundert werden. Stefan Strumbel setzte hinter die Geschichte keinen Punkt, sondern ein rhetorisches Fragezeichen: „What the fuck ist Heimat?“ Die narrative und museale (Re-)Konstruktion der Landesgeschichte wirkt heute seltsam entrückt, ähnlich wie Stefan Strumbels monumentale Gestaltung der „Propyläen“ dieser „900 Jahre Baden“-Ausstellung. Wenn Architekten über Heimat sprechen, bekommt der Begriff etwas von seinem verloren geglaubten romantischen Glanz zurück. Und dies obwohl vermutlich nur die wenigsten der im Architekturschaufenster Anwesenden tatsächlich bauen. Heimat zeigt sich hier weniger in den großen Kontinuitäten eines individualisierten oder kollektiven Sehnsuchtsraums, sondern in mehr oder weniger geplanten Brüchen und Zäsuren eines „äußeren Erfahrungsraums“. Dem Architekten geht es um das Schaffen von spezifischen Bezügen zwischen Orten und ihren Nutzern. Die Stimulation, entstanden durch dieses Inbezugsetzen, erzeugt Urbanität.

Heimat als Ergebnis sensiblen, orts- und aufgabenspezifischen Handelns
Diese Bezüge zeigen sich besonders deutlich entlang von teils zufälligen, teils bewusst inszenierten Brüchen. Etwa im Aufeinanderprallen von Stadt und Wald im Norden der Idealstadt Karlsruhe, dem künstlich angelegten Lauterberg im Stadtgarten oder dem Sonnenbad im Rheinhafen, das an ein Heizkraftwerk montiert ist. Der Heimatabend präsentiert eine ganze Bandbreite solcher Bezüge. So etwa das Universitäts-Projekt „Urbane Ressourcen„, bei dem sich Boris Milla und Studenten des KIT mit der unmittelbaren Karlsruher Umgebung auseinandersetzen und übergeordnete Strategien sowie konkrete Eingriffe planen, etwa für den Passagenhof. Martina Braun vom „Studio Urbane Strategien“ beschreibt die Interaktion von Nutzern und vermeintlichen Un-Orten in der südlichen Karlsruher Zwischenstadt im Projekt „Untenrum„, übrigens ein Gewinnerprojekt des Ideenwettbewerbs „15 Ideen für KA2015“. Ein anderes Beispiel ist die Transformation von ungenutzten Flächen in sogenannte „Aura-Zonen“ im Areal des „Alten Schlachthofs“. Mit der „Heimatwerdung“ dieses Areals ist seit 2004 neben Anderen auch Matthias Tebbert vom Karlsruher Netzwerk zwo/elf beschäftigt. Die Konversion des ehemaligen Schlachthofs geht auf die Initiative von Nutzern zurück und verdeutlicht Heimat als Prozess permanenter Aktualisierung. Kristof Knauer schließlich organisisiert „undergrounddinner„, informelle Dinner-Situationen in urbanen Un-Orten, die so zu einer temporären Heimat werden. Am Ende des Abends steht die Einsicht, dass Heimat ein Ergebnis von konkreten Eingriffen vor Ort sein kann. Heimat wird nicht nur vorgefunden, Heimat wird auch gemacht.

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Über Christoph Funk

Christoph Funk, geboren in Karl-Marx-Stadt.
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