Stadt selber machen: Urbanize! Festival Wien.

Sätze wie „den gesellschaftlichen Raum der Stadt aktivieren“, „Stadt als ein Aktionsfeld aus Gebautem und Ungebautem“ usf. begegnen mir in letzter Zeit häufiger. „Stadt selber machen“ ist das Thema des dritten Urbanize Festivals in Wien, auf das ich zufällig beim Umherstreifen durchs Social Web gestoßen bin. Veranstalter sind die Herausgeber der „Zeitschrift für Stadtforschung“ dérive.  Zwei Wochen lang ist die Schraubenfabrik nicht nur der älteste Co-Working Space Wiens, sondern ein Forum, das Stadt als Ergebnis selbst organisierter und partizipativer Prozesse diskutiert.



Kontext: „dieser Brei, der nie Stadt sein wird“
Es gibt einen romantischen Begriff von Stadt, der eng an das verdichtete Mit- und Nebeneinder auf öffentlichen Straßen und Plätzen geknüpft ist. Habermas prägte einstmals jenes normative Verständnis des Öffentlichen als herrschaftsfreien und allgemein zugänglichen Diskursraum. Aus Sicht dieser Theorie ist der genuin öffentliche Raum eine Utopie. Dagegen prallen in der Praxis permanent gegenläufige Interessen und Handlungslogiken im öffentlichen Raum aufeinander. Öffentlicher Raum in diesem Sinne ist ein relationaler Raum, ein „Aktionsfeld, in dem Kräfteverhältnisse immer wieder aufs neue justiert werden“. Städtische Räume sind heute das Spielfeld verschiedener Akteure aus Politik und Verwaltung, Immobilienwirtschaft, Gewerbe und Zivilgesellschaft. Auf der einen Seite haben privat-öffentliche Kooperationen und Standortmarketing Konjunktur. Auf der anderen Seite steigt mancherorts die Sorge um die freie Zugänglichkeit des öffentlichen Raums und der Wunsch nach Teilhabe an Planungs- und Entwicklungsprozessen. Kritische Publizistik, Kulturwissenschaften, „Aktivisten“ und Künstler greifen in diese kompexe Gemengelage ein und setzen verschiedene Kontrapunkte.

Qu’est-ce que la Stadtforschung?
Die Zeitschrift dérive ist ein publizistisches Forum für „Stadtforschung“, verstanden als Summe dieser theoretischen, künstlerischen und politischen Diskurse zum Phänomen Stadt. Bereits der Titel der Zeitschrift ist eine offensichtliche Positionierung im unübersichtlichen Stadtforschungs-Diskurs. „La dérive“, das Umherschweifen, ist nicht nur eine Wahrnehmungs-Perspektive auf Stadt, es bezeichnet eine psychogeografische Methode: „Eine oder mehrere Personen, die sich dem Umherschweifen widmen, verzichten für eine mehr oder weniger lange Zeit auf die ihnen im allgemeinen bekannten Bewegungs- und Handlungsmotive, auf ihre Beziehungen, Arbeits- und Freizeitbeschäftigungen, um sich den Anregungen des Geländes und den ihm entsprechenden Begegnungen zu überlassen“. Stadt wird hier verstanden als ein Netz aus erlebter Geschichte und lebendigen Geschichten, die es zu entdecken gilt. Die Erben Guy Débords, dem spiritus rector dieser „situationistischen“ Perspektive auf Stadt, fordern dichte Beschreibungen der Vielfalt urbaner und marginalisierter Milieus ein. Kritisiert wird ein Verständnis von Kultur als Summe öffentlicher und kommerzieller Dienstleistungen einer Stadt, die allein dazu dienen, die Standortwahl von Unternehmen zukunftsträchtiger Branchen positiv zu beeinflussen. In diesem Sinne liefert die Zeitschrift Anregungen für „situationistische Stadterkundungen“, auch Laboratoire dérive genannt, plädiert für „eingreifendes Denken“ im Sinne Henri Lévèbres und liefert eine ganze Bandbreite stadtethnologischer Fallbeispiele und künstlerischer Interventionen.

Stadtforschung live: Urban Commons Wien
Bei meinem Wochenendausflug nach Wien hatte ich das Glück, an einer solchen Stadterforschung teilnehmen zu dürfen. Thema waren Orte der Selbstorganisation und kollektiver Selbstverwaltung, die sich als „Gegenräume“ begreifen. Die fünfstündige Rundfahrt führte quer durch Wien, natürlich mit dem Fahrrad, dem „alternativen“ Fortbewegungsmittel schlechthin. Im Grunde gab es entlang der Route nichts zu sehen, was es nicht auch in jeder mittelgroßen deutschen Studentenstadt gibt: „Sommersonnensquatting-Actions“, besetzte Häuser mit selbstverwalteten und kollektiven Wohngemeinschaften (das „EKH“), kauzige Zeitzeugen aus den Achtzigern, Fahrradwerkstätten (die „Bikekitchen“) und eine Menge Immobilienbüros oder Brachen, an denen die einstige Zwischennutzung als Zentren der autonomen Szene ohne Hinweis nicht mehr ablesbar ist. Stadtteilarbeit findet in besagten Orten jedoch kaum statt, die Häuser sind de facto Szenesümpfe mit hohen Schwellen und dicken Stahltüren. Weiterhin zeichnen sich Projekte kollektiver Selbstverwaltung und Nutzung durch ihre Abgrenzung zur Stadtverwaltung, insbesondere durch die Ablehnung jeglicher Form von Subventionierung und (damit einhergehender) Vermarktung aus. „Gentrifizierung“gilt als Hauptübel und Ursache der monofunktionalen und blutleeren Investorenquartiere. Shopping-Malls, Bahnhöfe oder das halb-öffentliche Museumsquartier in Wien werden vor allem als „Räume mit neuen Exklusionsregimen“ wahrgenommen. Selbst der „Freiraum“-Begriff wird abgelehnt, schließlich gibt es bekanntlich „kein richtiges Leben im Falschen“. Stattdessen wird lieber von „diskriminierungsfreien“ Räumen oder „Safer Spaces“ gesprochen. Gezahlt wird mit freiwilligen Beitrag nach dem Motto: „Was ist es dir wert?“

Die Rechtefibel
Zusätzlich zu den altbewährten Formen des Protests haben sich in den letzten Jahren eine Reihe von Aufläufen, Stadtverzierungen oder kreativen Zwischennutzungen etabliert, die es so in den Achtzigern noch nicht gab: Smart Mobs, Spontandemos, BIM Party (Feste in öffentlichen Verkehrsmitteln), unsichtbares Theater, paste-ups, Ad Busting, Urban Knitting, Moosgraffiti, Guerilla Gardening, Park Mobile, Piratenkinos usf. Hinzu kommen dezentrale Formen der Selbstorganisation und Partizipation, die das Social Web ermöglicht. Die „neuen“ Protestformate oder Eingriffe in den öffenltichen Raum bewegen sich häufig in rechtlichen Grauzonen. Die Herausgeber der Zeitschrift haben deshalb eine kleine Rechtefibel erarbeitet, um die Rechtsgrundlage für individuelle Ansätze, Handlungslogiken und Interessen darzustellen. Bei aller Revulotionsfolklore gilt es einen entscheidenden Aspekt der Debatte festzuhalten: Der frei zugängliche öffentliche Raum erfüllt als Begegnungsraum unterschiedlicher Menschen und Gruppierungen wichtige gesellschaftliche Funktionen und ist Voraussetzung nicht nur für das Entstehen von Urbanität, sondern ermöglicht vor allem die Ausübung und Sicherung von Grundrechten, etwa der Versammlungsfreiheit. Das verdichtete Miteinander und Nebeneinander auf öffentlichen Straßen und Plätzen ist ein Garant lebendiger Demokratie.

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Über Christoph Funk

Christoph Funk, geboren in Karl-Marx-Stadt.
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