Jenseits von Mannheim. Die Inszenierung der Freiraum-Erkundung.

In Mannheim gibt es fünf Millionen Quadratmeter frei werdende Militärflächen aus der Besatzungszeit. Die Konversion, also die Umwandlung und Umnutzung der Brachen, ist Gegenstand eines gemeinsamen Gestaltungsprozesses von Stadt, Investoren und Bürgerschaft. Das Mannheimer Theater TiG7 hat sich mit dem Theaterfest „Schwindelfrei“ in die Debatte eingeschaltet und „plünderte die Brachen“. In der Inszenierung „Out of / Jenseits von Mannheim“ wurden die Möglichkeitsräume der Stadtentwicklung buchstäblich zum Spielraum.

Die Nutzlosigkeit der Brache ist ihr Freiheitspotenzial
Die Inszenierung führte die Besucher in Grüppchen von vier Personen durch verschiedene innerstädtische Brachen und leistete damit vor allem für Auswärtige wie mich eine ungewöhnliche urbane Erkundung Mannheims. Dramaturgische Klammer war die Suche nach einem gewissen K., der – so die inszenierte Fiktion – mit jedem der besuchten Orte in Verbindung stand. Die mobile Inszenierung funktionierte wie ein expressionistisches Stationenstück. Die Gruppe wurde von verschiedenen Schauspielern (Bekannte von K.) zu Fuß, mit der Rikscha oder mit dem Taxi durch den öffentlichen Raum geführt. Dabei wurden die Geschichten der verschiedenen Schauplätze aufgegriffen und in die Rahmenerzählung integriert. Gemeinsam mit literarischen und anderen Zitaten entstand ein eindrucksvolles polyphones Gewirr von stadthistorischen und raumsoziologischen Diskursen, die mich ganz benommen zurückließ.

Das Leben der Stadt ist ihr eigener Tod
Es ist unmöglich, die Vielstimmigkeit, Multimedialität und räumliche Dynamik der komplexen Inszenierung textuell wiederzugeben. Die Erkundung begann am Tig7, führte in die seit 2006 ungenutzte Trinitatiskirche, über ein leerstehendes Warenhaus, eine Baugrube mit partizipatorisch angelegten Ausgrabungen, vorbei am Gemeinschaftsgarten U9, in das Collini-Hochhaus mit seinem ungenutzten Schwimmbad, an den Neckar und die Coleman-Barracks. Den Abschluss bildete ein Fischerchor mit Akkordeon an der „Orderstation“ gegenüber den unwirtlich beleuchteten Anlagen der BASF.

Mir bleiben schlaglichtartig verschiedene Fetzen in Erinnerung, darunter der Verweis auf die Debatte um den Wiederaufbau in der Nachkriegszeit. Unmittelbar nach der Zerstörung der Städte im Luftkrieg formulierte Otto Bartning in seinen „Ketzerischen Gedanken am Rande der Trümmerhaufen“ seine Ansicht, dass eine Rekonstruktion unmöglich sei. Die Ruinen sollten als Mahnmal stehen bleiben, neben ihnen sollten die neuen Städte auf der grünen Wiese gebaut werden. Zum Glück wurde dieser Gedanke nie umgesetzt, ist doch die historische Stratifizierung mit ihren zahlreichen Verwerfungen ein wesentliches Identitätsmerkmal der europäischen Stadt. Sehr gekonnt macht die Inszenierung das Erinnerungsvermögen der Stadt erfahrbar und leitet mit Hilfe konkreter Fallbeispiele vergangener Stadtentwicklung Denkanstöße für die aktuelle Debatte über die Umnutzung der Brachen ab.

Ich habe die Inszenierung mit einer Einwegkamera mit Blitz ISO 400 (3,25 €) „dokumentiert“, alle Bilder sind natürlich hoffnungslos unterbelichtet.

Werbeanzeigen

Über Christoph Funk

Christoph Funk, geboren in Karl-Marx-Stadt.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s