Wir basteln einen Social Media Manager auf dem stARTcamp Köln 2012

Social Media Management ist das neue Taxifahren für Geisteswissenschaftler. Oder etwas weniger zugespitzt formuliert: Das Social Web verändert nicht nur Kommunikation, es schafft auch neue Berufsbilder. Mobilfunkangebote, Mobilitätsdienstleistungen und Modeartikel wollen an die digitale Zielgruppe gebracht werden. Auch im Kulturbereich ist seit gut einem halben Jahr ein gewisser „Social Media Manager“ in den Stellenprofilen der Ausschreibungen zu finden. Die IHK bietet inzwischen zertifizierte Weiterbildungen an. Aus gegebenem Anlass widmeteten die Organisatorinnen des stARTcamp Köln, Anke von Heyl, Wibke Ladwig und Ute Vogel, den neuen Berufsbildern im Social Web die diesjährige Auflage ihrer Unkonferenz.

Der Social Media Manager – das unbekannte Wesen.
Was macht ihn überhaupt aus, diesen Social Media Manager? Der Neue unter den neuen Berufen ist vor allem eins: „bricolage“. Die Bastelei, wie sie Claude Lévi-Strauss populär machte, meint die elementare Kulturtechnik des „Nehmens und Verknüpfens, was da ist“. Was liegt da näher, als sich dem Vorläufigen und Improvisierten dieses neuen Berufsbilds in einer Bastelstunde anzunähern? In Wibke Ladwigs herrlich selbstironischer Session wurden deshalb treffliche kleine Hampelmänner, bunte Clowns und siebenarmige Hanswürste zusammen geleimt. Der Social Media Manager an sich ist auch „bricoleur“. Er sammelt mehr oder weniger unmittelbar zur Verfügung stehende Materialien, Ereignisse und Informationen (den „Content“) und baut sie um zu neuen Strukturen, seiner „transmedialen Story“. Der Social Media Manager ist ein Geschichtenerzähler mit großen Ohren. Mit denen hört er zunächst seiner Zielgruppe zu, um sie nachher mit der Flüstertüte zu bearbeiten.

Das Social Web der unterschiedlichen Geschwindigkeiten.
Beim Stadtmarketing Karlsruhe gibt es derzeit noch keinen Social Media Manager. Vor zwei Monaten schrieb ich diesbezüglich einen Text für das Stadtmarketeam-Blog, „Warum Social Stadtmarketing so schwierig ist“.  Der Text wurde leider nie veröffentlicht, was wohl vor allem interne Gründe hatte. Er beschäftigte sich mit der Problematik, wieso Verwaltungsstrukturen von Städten und spontane Interaktion im Social Web nur bedingt verträglich sind und sein können. Wie weit Städte mancherorts davon entfernt sind die Potenziale der Sozialen Netzwerke zu nutzen, zeigen Gespräche mit KollegInnen auf dem stARTcamp Köln. In vielen Städten sind elementare Seiten wie Facebook oder YouTube für die MitarbeiterInnen gesperrt. Datenschutzvorbehalte und grundsätzliche Bedenken überwiegen scheinbar die Einsicht in den positiven Mehrwert der Plattformen als essentielles Instrument des Informationsmanagements und Netzwerkens. Die KollegInnen in einer deutschen Stadt machen aus der Not eine Tugend und betreiben eine Art Guerilla-Networking. Die Beteiligten vernetzen und organisieren sich in einer geheimen (!) Facebook-Gruppe unterhalb der Entscheider-Ebene.

Die weißen Raben des Social Web – Möglichkeiten.
Wie es gehen kann, zeigt ein aktuelles Best Practice aus München. Tanja Leuthe von der Internationalen Jugendbibliothek stellte die jüngst abgeschlossene Pilotstudie zur Ansprache und Aktivierung Jugendlicher im Kulturbereich mit Hilfe von Sozialen Medien vor. Konkreter Anlass war das White Ravens Festival 2012, ein internationales Festival für Jugendliteratur. Das Social Web Team des Festivals wurde von Frank Tentler betreut. Gerade vor dem Hintergrund der vielerorts ausdrücklich gewünschten Beteiligungsprozesse ist das Projekt sehr aufschlussreich. Denn gerade Jugendliche, also 14 bis 20jährige, über klassische Medien zu erreichen und in Beteiligunsprozesse einzubinden, ist extrem schwierig. Wie also mit Jugendlichen in Interaktion treten? Diese Frage dürfte sich landauf und -ab vielen Kulturinstitutionen stellen.

Auch das Social Web kommt nicht ohne persönliche Ansprache aus. Der (offline) Kontakt über persönliche Netzwerke ist auch hier grundlegend, um Vertrauen zu bilden und Ressentiments abzubauen. Die sinnvolle Verbindug von on- und offline-Welt von Beginn an entscheidet vermutlich über den Erfolg von Beteiligungsprojekten im Netz. Multiplikatoren wie Lehrer, Vereine und Initiativen sind gezielt anzusprechen. Informations- und Fortbildungsmaßnahmen fördern die Vertrauensbildung bei den Beteiligten. Mitmach-Möglichkeiten bilden ein wesentlicher Anreiz für Kinder und Jugendliche. Geschichten zu Ende erzählen, Foto-Trailer zusammenstellen, Video-Clips schneiden, bis hin zu online-Tagebüchern sind (nicht nur) für Jugendliche beliebte Mittel zur Selbstdarstellung und Profilierung innerhalb ihrer Peer-Group. Das schafft „digitale Geborgenheit“. Kanalisiert wird das Interesse der Jugendlichen, indem gleichzeitig Medienkompetenz aufgebaut und ein verantwortlicher Umgang mit den Sozialen Netzwerken spielerisch eingeübt wird. Die einmal geknüpften Netzwerke zu Schulen, Jugendzentren und Vereinen ermöglichen Nachhaltigkeit. Und für Nachwuchs wird damit ganz nebenbei ebenfalls gesorgt.

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Über Christoph Funk

Christoph Funk, geboren in Karl-Marx-Stadt.
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7 Antworten zu Wir basteln einen Social Media Manager auf dem stARTcamp Köln 2012

  1. Michael M. Roth schreibt:

    Schöner Beitrag zu einer interessanten Veranstaltung!
    Sehr metaphorisch, was die Wibke da veranstaltet hat. „Wir basteln uns einen Social Media Manager“ 😉

    LG Micha!

  2. TalkingStreet schreibt:

    Wunderbarer und anregender Beitrag! Großartig vor allem der Satz „Social Media Management ist das neue Taxifahren für Geisteswissenschaftler“.
    Besonders interessant finde ich die Überlegungen der Verknüpfung von Stadtmarketing und Social Media im Abschnitt „Das Social Web der unterschiedlichen Geschwindigkeiten“ und der dabei vorhandenen Problematiken. Mein Interessenschwerpunkt geht dabei noch darüber hinaus und beschäftigt sich dabei mit der Frage wie die Bürger – nicht nur die „offizielle“ Stadt – mit Social Media in den Prozess des „Stadt-machens“ und „Stadt-lebens“ integriert werden kann und wie urbanes Leben kommuniziert und in den digitalen Raum erweitert werden kann (ich verfasse gerade einen Artikel dazu).
    Außerdem hat mir als Ethnologin die Verwebung von Lévi Strauss‘ Theorie mit dem Dasein des Social Media Managers gut gefallen. Sitzt da etwa auch ein Ethnologe am anderen Ende? Man könnte es an vielen verschiedenen Stellen des Blogs vermuten 🙂

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